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Sonne generiert Prozesswärme und Treibstoffe

Industriebetriebe brauchen zur Umsetzung ihrer Dekarbonisierungsstrategien Innovationen im Bereich Prozesswärme. Das 2016 gegründete ETH-Start-up Synhelion arbeitet am Upscaling eines Verfahrens, das Solarenergie unter anderem für Hochtemperaturprozesse nutzbar macht. 

Industrielle Prozesswärme wird heute vorwiegend mit der Verbrennung von Öl, Gas oder Kohle bereitgestellt. Unternehmen mit einer Roadmap zur Dekarbonisierung suchen nach einem Ersatz für die fossilen Energieträger. Wie dieser aussehen kann, hängt unter anderem vom Temperaturbereich ab. Prozesse tiefer und mittlerer Temperatur können zum Beispiel mit einer direkten Nutzung von Solarwärme oder dem Einsatz von Wärmepumpen erneuerbar gemeistert werden. Die Bereitstellung hoher Temperaturen von mehr als 160 Grad ist aber auch unter Beizug von Wärmepumpen bisher nicht möglich. 

Temperaturen bis 1500 Grad 

Ein neuer Ansatz entstand vor zehn Jahren an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich und wird unterdessen vom Start-up Synhelion kommerzialisiert. Die Innovation ist eine Weiterentwicklung von Solarwärmekraftwerken, bei denen das Sonnenlicht durch ein Spiegelfeld auf einen Punkt gebündelt wird, womit sehr hohe Temperaturen erreicht werden. Im Fall von Synhelion wird der zentrale Receiver bzw. das darin zirkulierende Wärmeträgermedium – ein Gasgemisch aus Kohlendioxid und Wasser – auf 1500 Grad erhitzt.  

Die Hochtemperaturwärme kann direkt als Prozesswärme eingesetzt werden – oder sie wird in einem mehrstufigen Prozess zur Herstellung von synthetischen Treibstoffen herangezogen: Im ersten Prozessschritt wird hierbei in einem thermochemischen Reaktor aus Wasser, Kohlendioxid und fallweise Biomethan sogenanntes Synthesegas hergestellt. Aus dem Gas wird im zweiten Schritt unter Verwendung des Fischer-Tropsch-Verfahrens flüssiges Rohöl produziert. Aus diesem lassen sich – Schritt 3 – synthetische Treibstoffe wie Kerosin, Benzin und Diesel gewinnen.  

Nachhaltige Mobilitätslösungen

«Unsere Technologie zielt in erster Linie auf die Herstellung von nachhaltigen Solartreibstoffen für Verkehrssektoren ab, bei denen eine Elektrifizierung nicht möglich ist, wie beispielsweise im Flugsektor», sagt Mitgründer und Co-CEO Gianluca Ambrosetti. Gegenwärtig entsteht in Jülich (Deutschland) unter dem Namen DAWN eine industrielle Produktionsanlage. Mit einer Spiegelfläche von 1500 m2 wird sie jährlich einige Tausend Liter Solartreibstoff zu Demonstrationszwecken herstellen. 2025 soll dann in Spanien die erste kommerzielle Anlage mit einer Jahresproduktion von 1.25 Millionen Litern in Betrieb gehen. Bis 2030 strebt Synhelion eine Produktionskapazität von 875 Millionen Litern an. Mit der Treibstoffmenge liesse sich die Hälfte des Schweizer Kerosinbedarfs decken. 

Industrieunternehmen mit Bedarf an Hochtemperatur-Prozesswärme könnte die innovative Technologie ebenfalls erstmals eine solare Alternative bieten: Der patentierte Solar-Receiver macht in Kombination mit thermischen Wärmespeichern solare Prozesswärme im Bereich von 1000 bis 1500 Grad rund um die Uhr verfügbar. Die Integration der Technologie in bestehende Anlagentechnologie ist allerdings mit erheblichen Hürden verbunden. Für eine wirtschaftliche Nutzung ist zudem ein sehr sonnenreicher Standort mit hinreichend Platz erforderlich. Die Nutzung von solarer Hochtemperatur-Prozesswärme dürfte somit auf spezielle Anwendungsfälle beschränkt bleiben. 

Solarzement ist machbar

Um das Potenzial einer direkten Nutzung von Solarwärme zu evaluieren, hat Synhelion mit dem global tätigen mexikanischen Zementhersteller CEMEX zusammengespannt. Die Zementherstellung ist für rund acht Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich. Die Branche kann somit einen wirksamen Beitrag zu Erreichung der weltweiten Klimaziele leisten. Eine 2020 abgeschlossene Studie der beiden Unternehmen hat gezeigt, dass die Dekarbonisierung der Zementherstellung mittels Solarwärme grundsätzlich möglich ist.  

2022 wurde auf einer Anlage bei Madrid die Herstellung von ‘Solarzement’ in einem Batch-Prozess demonstriert. Im nächsten Schritt soll das Verfahren auf einer Pilotanlage in einem Zementwerk als kontinuierlicher Prozess umgesetzt werden. Das ETH-Start-up und CEMEX haben das ehrgeizige Ziel, bis Ende des Jahrzehnts mit einer kommerziellen Anlage am Markt zu sein. Neuanlagen werden gemäss aktuellen Schätzungen mit fossil beheizten Anlagen zur Zementherstellung konkurrenzfähig sein. Mittelfristig könnte die Technologie für solarthermisch betriebene Zementwerke mittels Lizenzvereinbarungen ein branchenweite Prozessinnovation anstossen. 

Vision einer CO2-neutralen Zementherstellung

Der Schlüsselprozess bei der Zementherstellung ist die Verarbeitung von Kalkstein und weiteren Ausgangsstoffen zu Klinker, jenem Stoff, der in Zement als Bindemittel dient. Der hierzu notwendige Brennprozess erfolgt bisher in fossil beheizten Drehrohröfen bei 1400 Grad. Die Wärme aus dem Sonnenheizwerk von Synhelion hat somit die erforderliche Temperatur. Die Integration der Solarwärme in den angestammten Prozess der Zementherstellung sei anspruchsvoll, aber lohnend, betont Gianluca Ambrosetti: «Unsere Technologie hat das Potenzial, den CO2-Fussabdruck der Zementproduktion drastisch zu reduzieren.» 

Für Zementhersteller ist das ein vielversprechender Ansatz. Die fossile Beheizung der Drehrohröfen ist nämlich nur für rund einen Drittel der Treibhausgasemissionen der Zementproduktion verantwortlich. Die restlichen Emissionen entstehen nicht verbrennungsbedingt, sondern entweichen im Brennprozess aufgrund chemischer Reaktionen aus dem Kalkstein. Mit dem innovativen Verfahren lassen sich diese zusätzlichen CO2-Emissionen relativ einfach einfangen, und das zurückgewonnene CO2 kann einer neuen Verwendung zugeführt werden. Als Fernziel schwebt dem Zürcher Jungunternehmen vor, das CO2 für die Herstellung des synthetischen Treibstoffs zu nutzen.  

Getragen von strategischen Investoren

Synhelion beschäftigt 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. In mehreren Finanzierungsrunden hat das Start-up 60 Millionen Franken eingeworben. Unter den Geldgebern sind unter anderem Investoren, die die Technologie zur Dekarbonisierung ihrer Geschäftstätigkeit nutzen wollen: die Lufthansa-Gruppe mit der Schweizer Tochter SWISS, die Autohändlerin AMAG Group, der Stahlkonzern SMS Group und CEMEX. 

Zum Jahresende werden die beiden Co-Geschäftsführer, Erich A. Kalbermatter und Thomas Weisskopf, ihren wohlverdienten Ruhestand antreten. Frank Ruepp wird neuer Geschäftsführer und Benjamin Marti Mitglied der Geschäftsleitung.

Frank R. Ruepp ist als Verwaltungsrat und Berater tätig. Er studierte Ökonomie an der Universität Zürich, war CEO verschiedener international tätiger Industrieunternehmen und als Präsident der IGEB (Interessengemeinschaft Energieintensive Branchen) bis Juni 2023 auch im EnAW-Vorstand vertreten. «Die Herausforderung anzugehen, heute die Weichen für morgen zu stellen, den langfristigen Blick zu haben, das bringe ich ein», sagt er im Interview. Er wird ab Januar 2024 auch die Bereichsleiterfunktionen von Erich A. Kalbermatter übernehmen.

Benjamin Marti wird die Bereichsleitung von Thomas Weisskopf übernehmen und ist neu auch Mitglied der Geschäftsleitung. Auch Benjamin Marti bringt sein ausgewiesenes Fachwissen und Engagement bereits seit vielen Jahren bei der EnAW ein.

Frank R. Ruepp und Benjamin Marti sind keine unbeschriebenen Blätter bei der Energie-Agentur der Wirtschaft. Beide sind seit vielen Jahren für die EnAW tätig. Was bewegt sie und was wollen sie in ihren neuen Funktionen bewegen? Wir haben nachgefragt. 

Ab Januar 2024 sind Sie, Herr Ruepp, der neue Geschäftsführer der EnAW und Sie, Herr Marti werden Mitglied der Geschäftsleitung. Zudem übernehmen Sie die Bereichsleitungen von Erich A. Kalbermatter und Thomas Weisskopf. Wer sind Sie?

Frank R. Ruepp (FRR): Ich bin Familienvater von drei erwachsenen Kindern, Ökonom und war 25 Jahre in der produzierenden Industrie tätig. Meine Affinität zu Technologie ist dementsprechend hoch. Ich bin offen, ehrlich und spreche Themen gerne direkt an. Ich verbringe gerne Zeit in der Natur, reise gern und bin ein Krimi-Fan.

Benjamin Marti (BM): Ich bin ein Morgenmensch und in meiner Freizeit gerne mit meiner Familie zu Fuss, auf dem Velo oder auf den Ski in der Natur unterwegs. Als Energie-Ingenieur verfüge ich über einen breiten Erfahrungsschatz in verschiedenen Themen der Energietechnik.

Erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung mit der EnAW?

FRR: Ich hatte die erste Begegnung während meiner Zeit als Vorsitzender der Geschäftsleitung der Perlen Papier AG. Als energieintensives Unternehmen haben wir damals in den 2010er Jahren schnell eine Zielvereinbarung abgeschlossen und rasch auch den Mehrwert erkannt.

BM: Das war vor 17 Jahren, als ich mich bei Thomas Weisskopf beworben habe. Teil des Jobprofils waren die Arbeiten für die EnAW. Eine meiner ersten Aufgaben war es, die erste Software für das EnAW-Monitoring zu prüfen und fertigzustellen.

Was war der Mehrwert?

FRR: Dass wir Energieeinsparpotenziale sehen und realisieren konnten, die wir vor dem Check-up mit dem EnAW-Berater nicht in dieser Klarheit und Detaillierungsgrad auf dem Radar hatten. Das hat einen Prozess ausgelöst, der durch die Laufzeit der Zielvereinbarung von zehn Jahren auch einen klaren Rahmen hat. Die Befreiung von der CO2-Abgabe hat uns zusätzlich motiviert.

Sie sind beide in Führungspositionen tätig. Jetzt führen Sie je ein Beraterteam. Wie führen Sie?

BM: Meine Führungsrolle verstehe ich als beratende und befähigende. Mein Team unterstütze ich darin, selbstständig und eigenverantwortlich zu arbeiten. Es geht immer auch darum, Freiräume zu schaffen, die Entfaltung ermöglichen.

Für das Beraterteam der EnAW sehe ich meine Rolle darin, gute Rahmenbedingungen für ihre Mandatsarbeit zu schaffen, die nötigen Prozesse und Hilfsmittel zu definieren und zur Verfügung zu stellen, zu supporten und bei Fragen zur Verfügung zu stehen.

FRR: Ja, unsere Aufgabe ist es, ein Umfeld zu schaffen, das unseren beratenden Ingenieurinnen und Ingenieuren ermöglicht, ihren Job einfach und gut zu machen. Letztlich müssen unsere Kundinnen und Kunden, die Firmen zufrieden sein und mit der EnAW zusammenarbeiten wollen. Sie sollen die «Added values» der EnAW sehen, wenn es um die Umsetzung der ökologischen Nachhaltigkeit im Unternehmen geht. Dafür müssen wir am Puls der Firmen sein, aktiv zuhören.

Was motiviert Sie?

BM: Mich motiviert, dass ich sehe, welche Klimaschutzmassnahmen die Unternehmen umsetzen, dank oder mithilfe der EnAW. Der Klimawandel ist ein Thema, bei welchem grosse Herausforderungen auf uns und auf die Wirtschaft zukommen. Ich will weiterhin mithelfen, gute Rahmenbedingungen für die Wirtschaft zu gestalten, damit die Unternehmen auf dem Weg zur Dekarbonisierung und zur Kreislaufwirtschaft gut begleitet sind und die für sie passenden, klimawirksamen Massnahmen umsetzen können.

FRR: Ja, bei mir ist es genauso. Der Druck auf die Unternehmen wird immer grösser und da mitzuhelfen, dass die Rahmenbedingungen und das EnAW-Angebot stimmen, ist für mich sehr wichtig. Wir von der EnAW können in der Summe zeigen, was die Industrie in Sachen CO2-Reduktion und Energieeffizienz sowie bald auch in der Ressourceneffizienz macht. Das motiviert mich.

Herr Marti, Sie verkörpern den grossen EnAW-Datengarten. Sehen Sie darin argumentatives Potenzial für eine Stärkung der Zielvereinbarung auf dem Weg zu Netto-Null?

BM: Ich finde absolut, ja. Wir weisen jedes Jahr aus, was die EnAW mit den Unternehmen erreicht. Das ist beträchtlich. Politisch wird das leider kaum honoriert, was sehr bedauerlich ist. Da müssen wir unbedingt am Ball bleiben.

Wie gelingt das?

BM: Durch unermüdliche positive Kommunikation. Und durch eine gute Zusammenarbeit mit unseren Partnern und mit den Verwaltungsstellen. Dass wir am gleichen Strick ziehen und anerkennen, dass wir am Ende des Tages das Gleiche wollen.

FRR: Absolut! Und dafür macht es Sinn, sich ein Ziel zu setzen, das dann auch zu monitoren. Das ist doch ein Prozess der funktioniert, auch für andere Nachhaltigkeitsbereiche. Zudem probieren wir seit Jahren die Erfolgsstory Zielvereinbarung auch als Exportgut zu platzieren – zusammen mit Technologien, die von Schweizer Unternehmen entwickelt werden, um dem Klimawandel so gut es geht entgegenzuwirken. Das sollten wir unbedingt weiterverfolgen.

Wo geht die Reise der EnAW mit Ihnen hin?

FRR: Unser gemeinsames Ziel muss es sein, das Potential des EnAW-Prinzips konsequent auf andere Umweltthemen zuzuschneiden und zu offerieren sowie ein verlässlicher Umsetzungspartner der Wirtschaft für die Behörden zu bleiben.

BM: Weiterhin sehr selbstbewusst und eigeninitiativ Dinge anpacken. Das ist etwas, was die EnAW von Anfang an gemacht hat. Sie ist vorausgegangen und hat antizipiert, was kommt. Halten wir konsequent daran fest, um die Unternehmen weiterhin bestmöglich unterstützen zu können.

Benjamin Marti

Benjamin Marti ist Mitglied der Geschäftsleitung von Weisskopf Partner GmbH. Er studierte Elektrotechnik und Informationstechnologie an der ETH Zürich. 

Frank Ruepp

Frank R. Ruepp ist Verwaltungsrat und Berater. Er studierte Ökonomie an der Universität Zürich, war CEO verschiedener international tätiger Industrieunternehmen und Präsident der IGEB. 

An einem Energieanlass in der Hülsenfabrik Lenzhard belegte die EnAW, dass der Kanton Aargau ein Paradebeispiel ist, was die Steigerung der Energieeffizienz und der Dekarbonisierung anbelangt.

EnAW-Berater Stefan Eggimann erklärte den Gästen das EnAW-Angebot.

Rochus Burtscher, Mitglied der EnAW-Geschäftsleitung, hatte einige spannende Details zum Kanton Aargau zu verkünden.

Kurt Moser, Mitglied der Geschäftsleitung der Hülsenfabrik Lenzhard, erläuterte, wie sein Unternehmen energieeffizienter geworden ist.

Rund 70 Gäste waren beim Energieanlass in der Hülsenfabrik Lenzhard dabei.

Wie kann man die Produktion seiner Firma dekarbonisieren? Wo sind die grössten Hebel? Und worauf muss man achten, wenn man vom Kanton Fördermittel erhalten möchte? Diese und weitere Fragen waren Thema beim Energieanlass der Aargauischen Industrie- und Handelskammer (AIHK), des Aargauer Gewerbeverbandes und der Energie-Agentur der Wirtschaft in der Hülsenfabrik Lenzhard. Vor rund 70 Gästen gaben dabei Rochus Burtscher, Mitglied der EnAW-Geschäftsleitung, und EnAW-Berater Stefan Eggimann Antworten, wobei spannende Details zu erfahren waren. Etwa, dass der Kanton Aargau im vergangenen Jahr deutlich mehr CO2-Emissionen reduzierte als der Kanton Zürich, da Zürich ein Stromkanton ist, wie Rochus Burtscher darlegte. Doch nicht nur in Bezug auf die Senkung der Emissionen sind die Aargauer vorbildlich, sondern auch bei der Reduktion des Energieverbrauchs. Das zeigte etwa die Statistik der EnAW: Über die vergangenen zehn Jahre haben über 700 Aargauer Betriebsstätten (wovon knapp 400 Grossverbraucher sind), die mit der EnAW zusammenarbeiten, mehr als 547 Millionen Kilowattstunden Energie eingespart. Am meisten schenkten dabei Massnahmen bei der Prozesswärme ein, wie Burtscher anhand einer Statistik zeigte.

Als Beispiel für die gelungene Energieoptimierung der Aargauer Unternehmen diente die Gastgeberin des Energieanlasses, also die Hülsenfabrik Lenzhard selbst, im Jahr 2014 mit einem Strombedarf von 500 000 Kilowattstunden pro Jahr noch eine Grossverbraucherin. Seit die Fabrik mit der EnAW im Jahr 2016 eine so genannte Zielvereinbarung, also eine Verpflichtung zu mehr Energieeffizienz, über zehn Jahre abgeschlossen hat, konnte sie nicht nur ihren Energieverbrauch, sondern auch ihre CO2-Emissionen deutlich senken. Dazu hat sie unter anderem ihre Trocknungsprozesse optimiert, indem die Laufzeit bei den Trockenkammern reduziert wurde. Auch bei der Wärmeerzeugung hat die Hülsenfabrik diverse Massnahmen ergriffen, um Energie zu sparen. So hat man beispielsweise die Vorlauftemperatur gesenkt. Alle Massnahmen sollen den Energieverbrauch bis 2025 gegenüber 2016 um mehr als einen Drittel senken, wie CEO Kurt Moser sagte. Er bestätigte damit Burtschers zuvor geäusserte Feststellung: «Die Wirtschaft hat nicht auf die Politik gewartet, sondern ist selber vorangegangen.»


Weshalb soll ein Betrieb auf die Energie-Agentur der Wirtschaft (EnAW) zurückgreifen, um seine Energieeffizienz zu steigern? Hans-Ulrich Bigler, Vizepräsident der EnAW und ehemaliger Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes (SGV), erklärt die Vorteile einer Zusammenarbeit mit einer EnAW-Beraterin bzw. einem EnAW-Berater.

Hans-Ulrich Bigler, wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht heutzutage für ein KMU, energie- und ressourceneffizienter zu werden?

Hans-Ulrich Bigler: Schon im Grundsatz ist für jedes Unternehmen klar, dass es seine Ressourcen möglichst kosteneffienzient einsetzt. Dies entspricht dem unternehmerischen Handeln. Mit dem EnAW-Angebot liegt in einem energiesensiblen Betrieb eine Option auf dem Tisch, mit der man diesen unternehmerischen Gedanken leben kann. Gleichzeitige Energieeffizienz und Kosteneinsparung machen das EnAW-Angebot derart attraktiv. Insofern ist es für alle Unternehmen wichtig, energie- und ressourceneffizienter zu werden, sowohl für grosse als auch für kleine.

Lohnt es sich auch für Unternehmen, die nicht auf die CO2-Befreiung zurückgreifen können?

Hans-Ulrich Bigler: Ich bin schon lange der Meinung, dass es politisch überfällig ist, allen Unternehmen die CO2-Befreiung möglich zu machen. Wenn man Emissionen reduzieren und konkret etwas für das Klima erreichen will, muss man für alle Unternehmungen entsprechende Anreize schaffen. Aber dies ist nur ein Grund, um bei der EnAW mitzumachen. Gerade in der heutigen Zeit, in der die Gesellschaft sensibel auf Klimafragen reagiert, wollen die Unternehmungen aus Gründen der Reputation und des Images entsprechend CO2-freundlich produzieren. Letztlich ist der Vorteil des EnAW-Angebots, dass man über Energieeffizienz den CO2-Ausstoss reduziert und sich so nachher von der Abgabe befreien kann.

Wie gross ist denn der Effekt aufs Image?

Hans-Ulrich Bigler: Wie gesagt, es gibt ihn, aber er darf umgekehrt auch nicht überschätzt werden. Genauso wichtig sind die Fragen, ob das Unternehmen ein attraktiver Arbeitgeber ist, wie es Jugendliche ausbildet und wie es von der Unternehmerin bzw. vom Unternehmer geführt und geprägt wird. Nachhaltigkeit umfasst Ökologie, Ökonomie und Soziales. Bezüglich Nachhaltigkeit diskutiert man heute meiner Meinung nach viel zu stark über Ökologie. Bei der Nachhaltigkeit geht es beispielsweise auch um die Sicherung von Arbeitsplätzen. Und nicht zuletzt muss das Ökonomische stimmen.

Was ist aus Ihrer Sicht der grösste Gewinn für ein Unternehmen, wenn es bei EnAW mitmacht?

Hans-Ulrich Bigler: Durch das EnAW-Angebot leistet man einen klimapolitischen Beitrag, indem man die CO2-Emissionen reduziert, nämlich dadurch, dass man energieeffizienter produziert. Daraus resultiert ein Kostenvorteil. Als wir seinerzeit das KMU-Modell einführten, diskutierten wir lange darüber, ob ein solches Programm überhaupt interessant für KMU ist. Ich habe mich schon damals stark gemacht für dieses Programm, weil natürlich auch ein KMU energieintensiv sein kann. Wenn Sie beispielsweise an eine Bäckerei denken, kann sie dank der EnAW extrem energieeffizient werden. Oder nehmen Sie im Tourismusbereich die Hotels: Dort wurden markant Emissionen reduziert. Wenn man sich die Optimo-Gruppe ansieht, ist das auch ein Beispiel, dass es eben spannend ist. So gesehen haben diese Firmen ein Interesse daran, mitzumachen.

Hans-Ulrich Bigler.


Die Wechselwirkungen zwischen den Spannungsfeldern des Energietrilemmas sind spürbarer denn je. Gleichzeitig nehmen externe Abhängigkeiten von Energie und Rohstoffen zu und globale Lieferketten werden zunehmend fragiler. Höchste Zeit, um uns auf unsere Stärken zu besinnen. 

Die politische und gesellschaftliche Debatte über mehr Versorgungssicherheit ist in vollem Gang. Lange haben dabei vor allem inländische Energiepolitikthemen dominiert. Schaffen wir rechtzeitig den benötigten Zubau neuer erneuerbaren Energien für mehr Winterstrom und als Ersatz für die wegfallenden Kernkraftwerke? Wie entwickelt sich das Energietrilemma zwischen Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Umweltverträglichkeit?  
 

Heute sind wir zusätzlich mit Verschiebungen in den globalen Energieversorgungsketten konfrontiert. Der russische Überfall auf die Ukraine hat die geopolitische Ordnung aufgebrochen. Unser Energietrilemma akzentuiert sich: In einer Phase, in welcher eigentlich wesentliche Weichen für die Umsetzung mittel- und langfristiger Dekarbonisierungsstrategien gestellt werden müssten, sind wir gezwungen, den Fokus auf die kurzfristige Sicherung unserer importabhängigen, fossilen Energieversorgung zu richten. Und die Energiepreise? Wen wundert’s, die steigen. Ist ja auch Strategie, wenn Energie zum Spielball für Geopolitik wird. Die Reaktionen darauf treiben nun aber in vielen EU-Staaten seltsame industriepolitische Blüten. Die neuen, länderspezifischen Subventionen sind Gift für die energieintensive Schweizer Industrie. Statt zur Lösung des Energie- und Ressourcen-Problems beizutragen, haben sie nun selbst ein existenzielles Standortproblem. Eine Lösung ist hier leider noch nicht in Sicht. 
 

Zurück zum Trilemma und zur Geopolitik. Die Transformation des Energieversorgungssystems ist ohne Zweifel integraler Bestandteil der europäischen sicherheitspolitischen Zeitenwende. Dieser Umbau stellt uns aber vor ein neues Dilemma zwischen Energieunabhängigkeit und Versorgungsrisiken. Seit 2011 führt die EU eine Liste mit kritischen Rohstoffen, die aufgrund ihrer wirtschaftlichen Bedeutung und des Schadenspotenzials bei gestörten Lieferketten als kritisch eingestuft werden. Diese Liste wird von Jahr zu Jahr länger. 
 

Wagen wir die Flucht nach vorn. Durch die Diversifizierung unserer Bezugsquellen und die Zusammenarbeit mit strategischen Partnern müssen wir sicherstellen, dass unsere Industrie ausreichend und zu wettbewerbsfähigen Preisen mit Energie und Rohstoffen versorgt wird. Mit den richtigen Rahmenbedingungen, die wir grösstenteils selbst gestalten können, muss die Attraktivität des Forschungs- und Produktionsstandorts Schweiz nicht nur gehalten, sondern verbessert werden. Wenn die Schweizer Tech-Industrie auch in Zukunft einen Innovationsvorsprung halten kann, sind wir es, die mit vielen unverzichtbaren Hightech-Produkten zur Lösung der grössten globalen Herausforderungen beitragen. Damit stellen wir unseren Abhängigkeiten Massgebendes entgegen. 

Über den Autor

Philipp Bregy ist Ressortleiter Energie bei Swissmem, dem Verband für KMU und Grossfirmen der Schweizer Tech-Industrie.