Dem Nachhaltigkeitsgedanken gerecht zu werden, gestaltet sich in der Praxis nicht immer einfach – besonders nicht, wenn einem die Naturgesetze einen Strich durch die Rechnung machen. Sich davon entmutigen lassen kommt aber für die Baustoffriesin Holcim (Schweiz) AG nicht infrage. Mit viel Geduld, Innovationsgeist und einer guten Prise Mut schafft sie es deshalb, einen gewaltigen Schritt in Richtung «Netto-Null» zu machen.
Im Steinbruch Gabenchopf der Holcim (Schweiz) AG am Standort Siggenthal werden Kalkstein und Mergel abgebaut – die Ausgangsstoffe für den Klinker des ressourcenschonenden Susteno-Zements.
Cathleen Hoffmann ist seit 2011 in der Produktentwicklung für Holcim tätig.
Das Zementwerk in Siggenthal der Holcim (Schweiz) AG gilt als Vorzeigewerk in Sachen Nachhaltigkeit.
Beton – das unscheinbare, aber in unser aller Leben omnipräsente Material erleichtert so vieles. Es ebnet uns wortwörtlich den Weg. Mit Beton gelingt es, robuste und beständige Strassen, Brücken und unzählige weitere unabdingbare Bestandteile unserer Infrastruktur zu erbauen. Beton lässt sich demnach aus der modernen Zivilisation nicht wegdenken und erfüllt in vielerlei Hinsicht seinen Zweck. Aber Beton bietet noch viel mehr als nur Robustheit und Beständigkeit. So stellt er auch bei verschiedensten Projekten seine ästhetische Komponente unter Beweis. Und ist dabei auch richtig ökologisch.
Beton und ökologisch? Richtig gelesen. «Evopact» heisst die neue Betonfamilie der Holcim (Schweiz) AG, die nicht nur ressourcenschonender, sondern teilweise auch gänzlich klimaneutral ist. Der zentrale Bestandteil, der diesen Fortschritt möglich machte, ist der ressourcenschonende Zement, Susteno. Zement funktioniert als Bindemittel im Beton. Für seine Produktion wird eine Gesteinsmischung aus Kalkstein, Ton und Mergel beispielsweise aus dem Steinbruch Gabenchopf in Siggenthal zu einem homogenen Rohmehl aufbereitet. Das Brennen dieses Rohmehls zu Klinker bei 1450 Grad Celsius ist der zentrale Schritt bei der Zementherstellung. Klinker ist der Bestandteil des Zements, der unter Beimengung von Wasser wesentlich für die Festigkeitsentwicklung zuständig ist. Genau dieser essenzielle Bestandteil bereitet emissionstechnisch Kopfschmerzen. Für die Produktion des Klinkers wird das Rohmehl in einem Wärmetauscherturm auf etwa 1000 Grad aufgeheizt und anschliessend in den Drehrohrofen geleitet. Für das Aufheizen wird die Abwärme aus dem heissen Drehrohrofen genutzt, um Energie zu sparen. «Eine sehr gute Massnahme», findet die betriebsinterne Produktingenieurin, Cathleen Hoffmann. Aber: «Im Bereich zwischen 600 und 900 Grad findet die sogenannte Entsäuerung des Rohmehls statt. Dabei zersetzt sich das Kalziumkarbonat aus dem Kalkstein und Mergel und es wird Kohlendioxid abgespalten und ausgetrieben. Dieser Vorgang nennt sich auch Kalzinierung. Etwa zwei Drittel der CO2-Gesamtmenge, die bei der Herstellung von Zement freigesetzt wird, fallen hier an.
Deshalb den Kopf in den Sand stecken kommt jedoch für die Produktentwicklerin von Holcim, Cathleen Hoffmann, nicht infrage. Die Expertin weiss, wer heute nachhaltig bauen will, wählt Baustoffe, die eine lange Lebensdauer haben, rezyklierbar sind und eine tiefe CO2-Bilanz aufweisen. In akribischer, chemischer Feinarbeit ging Holcim dafür dem idealen Zementrezept nach, das einen reduzierten Klinkeranteil aufweist, ohne jedoch an Produktqualität einzubüssen. Denn klar ist, je weniger Klinker gebraucht wird, desto weniger Rohmaterial muss dafür gebrannt werden und desto weniger CO2 wird im Produktionsprozess freigesetzt. Die Lösung geht aber sogar noch einen Schritt weiter. Ein Teil des Klinkers ersetzt Holcim durch hochwertig aufbereitetes Mischabbruchgranulat, also durch mineralische Sekundärstoffe aus rückgebauten Gebäuden. Auf diese Weise kann Holcim den Baustoffkreislauf vollständig schliessen, da das Material sonst deponiert werden müsste. Der Klinkeranteil von Susteno liegt heute noch bei 55 Prozent, was den CO2-Ausstoss um ganze zehn Prozent reduziert. Ein Fortschritt, der sich sehen lassen kann.
Mit dem Einsatz des Susteno-Zements konnten zwei nachhaltige Betonprodukte kreiert werden: EvopactPLUS und EvopactZERO. Letzterer steht ganz unter dem Motto «do your best, compensate the rest». Denn während für EvopactPLUS der ressourcenschonende Zement, Susteno, und als Gesteinskörnung teilweise rezyklierte Materialien verwendet werden, handelt es sich bei EvopactZERO sogar um den schweizweit ersten komplett klimaneutralen Beton. Mit EvopactZERO werden die verbleibenden, technologisch derzeit nicht vermeidbaren Emissionen nämlich kompensiert.
Mischabbruchmaterial als Klinkerersatz ist nur eine von vielen Lösungen, mit denen Holcim für eine nachhaltige Zukunft arbeitet. Andere Massnahmen zur CO2-Reduktion beinhalten Investitionen in effiziente Anlagen und der Einsatz alternativer Brennstoffe. Durch die Verwertung von Plastik oder Klärschlamm wird der Einsatz von traditionellen Brennstoffen reduziert. «Bereits heute können wir mehr als die Hälfte unseres thermischen Energiebedarfs mit Sekundärstoffen decken», erklärt Hoffmann. «Zudem arbeiten wir an Lösungen, das ausgestossene CO2 aufzufangen und anderweitig wiedereinzusetzen.» Klar ist, auf das Ursprungsland der LafargeHolcim wird ein besonderes Augenmerk gelegt. «Wir sind eine Art Vorzeigeland für die ganze Gruppe», stellt die Expertin fest. «Wir können hier bei der Produktentwicklung unser Bestes tun, sodass andere Länder von unseren Erfahrungen und den Innovationen profitieren.» Dennoch bleibt die Produktion stark von den vorhandenen Rohstoffen vor Ort abhängig. Jedes Land sei daher gefordert, ein eigenes Rezept zu erfinden. Und das müssen sie auch. Denn die Zementindustrie wird von der Öffentlichkeit in Sachen CO2-Ausstoss mit Argusaugen beobachtet. Um so erfreulicher, dass Holcim mit dem neuen ressourcen- und klimaschonenden Beton einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu «Netto-Null» unternommen und geschafft hat.

17.04.2026
Das Wichtigste in Kürze
Beton nachhaltiger zu gestalten, ist kein einfaches Unterfangen. Davon abhalten liess sich die Holcim (Schweiz) AG trotzdem nicht.
Mit ihrer neuen Produktefamilie, Evopact, kreiert sie nicht nur den nachhaltigen und ressourcenschonenden Beton EvopactPLUS, sondern auch den ersten klimaneutralen Beton der Schweiz, EvopactZERO.
Der dazu entwickelte ressourcenschonende Susteno-Zement ermöglichte es Holcim, die CO2-Emissionen gegenüber einem bereits optimierten Massenzement um ganze 10 Prozent zu reduzieren. Damit gelang ihr ein gewaltiger Schritt in Richtung «Netto Null»-Ziel.
Manchmal sind die besten Veränderungen jene, die sich mit blossem Auge nicht wahrnehmen lassen. Dieser Auffassung ist auch ZZ Wancor, die Schweizer Lieferantin für grobkeramische Baustoffe. Um ressourcenschonender und klimafreundlicher zu produzieren, untersuchte das Unternehmen seine Dachziegel bis ins kleinste Detail. Damit schaffte es wesentliche Optimierungen – und das bei absolut gleichbleibender Qualität. Vorhang auf für Produktanpassungen, die sich eben gerade nicht sehen lassen.
Rein optisch ist vieles gleichgeblieben, aber dank technischer Detailanalysen hat sich das Innere der Dachziegel von ZZ Wancor massiv verändert.
Bereits die alten Römer wussten die Eigenschaften des Dachziegels zu schätzen. Das zu 100 Prozent aus natürlichen Inhalten bestehende Produkt ist wohl einer der ältesten Baustoffe, die wir heute noch kennen. An der materiellen Zusammensetzung hat sich über die Zeit zwar nur wenig geändert, technisch aber dafür umso mehr – auch mithilfe der ZZ Wancor. ZZ Wancor ist eine Systemanbieterin von grobkeramischen Baustoffen und kombiniertem technischem Zubehör für die komplette Gebäudehülle, bestehend aus Dach, Wand und Fassade. Mit zwei Dachziegelwerken, einem Backsteinwerk und über 160 Mitarbeitenden in der Schweiz sorgt das Unternehmen dafür, dass vom Tonabbau in den Gruben über den Herstellungsprozess im Werk bis zum Einsatz der Produkte auf der Baustelle alles reibungslos läuft.
Es ist heiss an diesem Tag im Juli, an dem wir im Dachziegelwerk in Laufen im Kanton Baselland von CEO Michael Fritsche und Produktionsleiter Maximilian Ulm empfangen werden. Beide gehören bei ZZ Wancor zum «alten Eisen». Sie kennen Strukturen, Produkte und Prozesse aus dem Effeff. «Es wird noch heisser», warnt Ulm schmunzelnd und spielt auf den Rundgang durch die Produktion an. Denn wo Ziegel hergestellt werden, wird getrocknet und gebrannt. «Es ist ein bisschen wie bei den Cuvé-Weinen», beginnt Ulm uns den Prozess der Herstellung zu erklären. Ein Ziegel besteht aus Ton, einem Naturprodukt. Und wie das in der Natur so ist, kommt er immer in unterschiedlichen Zusammensetzungen vor. Für die Produktion wird aber – wie beim Wein – eine ganz spezifische Zusammensetzung benötigt. Dafür werden die Rohstoffbestandteile zerkleinert, optimal gemischt und angefeuchtet. Diese Masse gelangt anschliessend in die gewünschte Form, in der sie getrocknet wird. Denn für den folgenden Brennprozess sollen die Ziegel möglichst wenig Feuchtigkeit enthalten. Um die gewünschte chemische Umwandlung im Brennofen zu erreichen, muss das Material auf über 1000 Grad Celsius aufgeheizt werden. Heute funktioniert dieser Prozess mit Gas. «Durch den schrittweisen Umstieg im Brennprozess von Schweröl auf Erdgas werden die CO2-Emissionen um mehr als 25 Prozent reduziert», weiss Ruedi Räss. Der EnAWBerater betreut seit 2009 fast alle Schweizer Ziegeleien bei der Umsetzung der Zielvereinbarung. Bei ZZ Wancor ist jedoch nicht der Brennprozess am energieintensivsten, sondern das vorherige Austreiben des Wassers bei den frisch geformten Ziegeln. Deshalb macht dieses Trocknen 60 Prozent des gesamten Wärmebedarfs der Produktion aus. Um den Verbrauch möglichst tief zu halten, wird die Trocknungsanlage vor allem mit der Abwärme des Brennofens betrieben. Der in den Produktionsstätten verwendete elektrische Strom stammt zu 100 Prozent aus Wasserkraft. Die Nachhaltigkeitsstrategie von ZZ Wancor basiert auf den drei Schwerpunkten: Erhaltung der Biodiversität, Förderung der Kreislaufwirtschaft und Vorantreiben der Dekarbonisierung des Produktportfolios. Da der Ton in unmittelbarer Nähe der Verarbeitungswerke gewonnen wird, können die Transportwege kurz gehalten und die daraus resultierenden CO2-Emissionen minimiert werden. Die Tongruben sind im Sinne der Biodiversität darüber hinaus wertvolle Biotope, die durch nachhaltige Rekultivierungsarbeiten ideale Lebensräume für seltene Pflanzen und Tiere entstehen lassen. So befinden sich in den Tongruben gar Amphibienschutzgebiete von nationaler Bedeutung.
Recycling gehört bei ZZ Wancor zum täglichen Geschäft. Solange der Ton für die Herstellung der Ziegel noch nicht gebrannt ist, entstehen keine Abfälle. Das anfallende Material der Rohmasse kann einfach wieder zugegeben werden. Wesentlich ist dabei eine rigorose Qualitätskontrolle. Laufend wird die richtige Feuchte der Rohmasse kontrolliert und fehlerhafte Produkte werden vor dem Brennen ausgesondert, um unnötigen Bruch und somit Energieaufwand zu vermeiden. Denn mit dem Brennen ändert der Ton seine Eigenschaften: Aus einem plastischen Material wird ein spröder Baustoff. Auch die Abfälle, die nach dem Brennen anfallen, können wiederum der Backsteinproduktion beigegeben werden. Vor allem müssen aber die technischen Funktionalitäten der Produkte wie zum Beispiel Undurchlässigkeit und Tragfähigkeit gewährleistet sein. «Wir haben uns gefragt, wie wir diese technischen Funktionalitäten sicherstellen können und trotzdem weniger Energie verbrauchen», erinnert sich Fritsche. «Vor acht Jahren haben wir unsere Dachziegel dann mit einem externen Partner genau untersuchen und Spannungsmodellierungen erstellen lassen.» Auf dieser Basis konnte festgestellt werden, an welchen Stellen des Ziegels die grössten Spannungen herrschen und wo die Materialmenge optimiert werden kann. Denn je zielgenauer die Materialverteilung eines Produkts gesteuert wird, desto weniger muss in der Produktion getrocknet und gebrannt werden. «Das bedarf automatisch weniger Energie», so Fritsche. Mit zehn Prozent weniger Material kommen die neuartigen Ziegel der ZZ Wancor seitdem aus – und das bei absolut gleichbleibender Qualität. «Das sind also auch zehn Prozent weniger CO2, die wir pro Ziegel ausstossen.» Auch Ulm, der die Produktentwicklung verantwortet, ist stolz darauf: «Wir haben auf dieser Basis alle unsere Produkte angepasst.» Ein jahrelanger Prozess, der sich gelohnt hat.

17.04.2026
Das Wichtigste in Kürze
In der Baustoffbranche tut sich etwas. Unter anderem durch den Beitrag von ZZ Wancor. Das Unternehmen schafft es dank Produktanpassungen, 10 Prozent weniger Material pro Dachziegel zu benötigen – und das bei absolut gleichbleibender Qualität.
Angefangen bei Untersuchungen der kleinsten Einheit, dem einzelnen Dachziegel, identifizierte ZZ Wancor jene Bereiche, in welchen unter Berücksichtigung der Spannungsverhältnisse Material und damit Energie eingespart werden können.
26 Landwirte verbessern die Effizienz ihrer Geflügelmastställe. Ein Erfolgsbeispiel, das zeigt, wie mit der richtigen Gruppendynamik nicht nur CO2 und Kilowattstunden eingespart werden.
Erich Jungo, der gebürtige Freiburger, ist der Präsident des Vereins GMDK und will mit der Nachhaltigkeit der Region etwas zurückgeben. Der Familienbetrieb führt er in der fünften Generation.
Die grosse Fotovoltaikanlage auf dem Landwirtschaftsbetrieb Jungo ist von Weitem erkennbar. Uns interessiert, welches Effizienzsteigerungspotenzial sich darunter im Gefügelstall verbirgt.
Der Geflügerstall in Schönholzerswilen punktet durch eine hohe Effizienz. Seit Oktober 2018 wird er von Legehennen bewohnt.
Als Initiator der Gruppe lässt Markus Zürcher in seinem Betrieb in Schönholzerswilen kaum einen Prozess ungetestet.
Insbesondere bei der Umsetzung von Massnahmen in den Prozessen ist das Potenzial für die Reduktion des CO2-Ausstosses durch Effizienzverbesserungen immer noch hoch. Durch Betriebsoptimierungen, den Einsatz verbesserter Technologien und Innovationen, prozessinterne Wärmerückgewinnung und Abwärmenutzung mit PinCH-Design können die Emissionen heruntergefahren werden. Die Effizienzsteigerungsmassnahmen für den klimaschonenden Einsatz von Prozesswärme und Prozessen sind für viele Betriebe häufig auch die kosteneffizientesten Massnahmen.
Zugegeben, ein Geflügelmaststall ist auf den ersten Blick energietechnisch wenig komplex. Eine Halle, eine Gebäudehülle, eine Heizung und eine Beleuchtung. Das ist alles, was es an Haustechnik für den Betrieb braucht. Dennoch fällt durch den Geflügelstall ein permanenter Heiz- und Stromverbrauch an. Der erste logische Schritt? Effizienzverbesserungen – natürlich stets der Maxime des Tierwohls und der artgerechten Haltung folgend.
Gerade im Kleinbetrieb fehlt aber oft das nötige Know-how, die personellen Ressourcen oder der finanzielle Anreiz über die Rückerstattung der CO2-Abgabe, um die Energiebilanz zu verbessern. Man könnte meinen, die Geschichte ende hier. Weit gefehlt. Denn damit gab sich der gelernte Landwirt, Kaufmann und studierte Betriebsökonom Markus Zürcher nicht zufrieden. Für seinen Landwirtschaftsbetrieb in Schönholzerswilen im Thurgau suchte er 2012 deshalb nach einer Lösung – noch unwissend, dass sich daraus ein brancheninternes Musterbeispiel etablieren würde. Der Plan entwickelte sich im gemeinsamen Austausch mit dem EnAW-Berater und Mitglied der EnAW-Geschäftsleitung Stefan Krummenacher: Ist der Betrieb allein zu klein für die Rückerstattung der CO2-Abgabe, müssen mehrere Betriebe her. Aber ob Massnahmen und Modelle, die für Grossbetriebe konzipiert sind, auch in Kleinbetrieben funktionieren?
Um das herauszufinden, schloss sich Zürcher mit dem befreundeten Landwirt Erich Jungo aus Düdingen im Kanton Freiburg zusammen. Denn eines war klar: Genügend Geflügelmastbetriebe bringt man nur mit guten Beziehungen und gesamtschweizerisch zusammen. Im Frühsommer 2014 war es so weit: Als Gruppe Geflügelmastbetriebe Dritter Kraft (GMDK) haben 26 Betriebe aus der ganzen Schweiz – insbesondere aus der Ost- und Westschweiz – über das Energie-Modell der EnAW eine gemeinsame Zielvereinbarung mit dem Bund abgeschlossen und damit den Grundstein für die Verbesserung der Energiebilanz ihrer Ställe gelegt. Mit Erfolg: Seither konnte der CO2-Ausstoss im Vergleich zum Ausgangsjahr um 21.8 Prozent respektive 276 Tonnen reduziert werden. Die Energieeffizienz konnte im gleichen Zeitraum um 22 Prozent gesteigert werden. Die Einsparungen, so Krummenacher, resultieren direkt aus der Massnahmenumsetzung der einzelnen Betriebe. Ein Beweis dafür, dass Kleinvieh auch Mist macht – und das nicht nur im Hühnerstall.
Gerade als Kleinbetrieb sind wir auf den Austausch angewiesen.
Erich Jungo, Landwirt und Präsident des Vereins GMDK
Das Raumklima ist bei Stallungen ein sensibles Thema. Energietechnische und thermodynamische Zusammenhänge müssen verstanden sein. Die Hühner mögen es gerne warm und nicht zu feucht – Heizen und Lüften machen also die Prozesse aus. Um die richtigen thermodynamischen Anforderungen zu finden, braucht es Fingerspitzengefühl. Als Markus Zürcher auf dem Hof in Schönholzerswilen im Thurgau 2002 seinen Stall für die Geflügelmast baute, war klar, dass die Wärmeerzeugung über Gaskanonen laufen wird – der damalige Standard in der Branche. «Das ist einfach und kostengünstig in der Investition», so der Landwirt. Gaskanonen erzeugen Wärme über die Verbrennung von Gas und blasen diese – wie es der Name sagt – durch ein Rohr in den Stall. Aber neben der heissen Luft gelangen bei herkömmlichen Gaskanonen auch Verbrennungsabgase, namentlich CO2, in den Stall. «Den CO2-Wert gilt es für das Tierwohl und den Betrieb aber tief zu halten», weiss Zürcher. Um das CO2 und die durch das Propangas entstehende Feuchtigkeit aus dem Stall zu ziehen, muss regelmässig gelüftet werden. Das führt wiederum je nach Wetter zu tieferen Temperaturen und einer höheren Feuchtigkeit, weshalb wieder mehr geheizt werden muss. «Wir haben es hier mit einem Teufelskreis zu tun», erklärt er.
Ansätze, wie man diesen thermodynamischen Teufelskreis aufbrechen kann, gibt es mehrere. Eine einfache, aber wirkungsvolle Effizienzsteigerung liefert die Gebäudehülle: «Als wir den Stall gebaut haben, haben wir eine 60 Millimeter dünne Decke gebaut. So etwas ist heute gar nicht mehr erlaubt», so Zürcher. Als erste Effizienzmassnahme hat er deshalb sämtliche Fenster ausgewechselt, die Isolation der Decke auf 120 Millimeter verdoppelt und komplett geschäumt, sprich luftdicht gemacht. «Den Energiebedarf konnten wir allein durch diese Massnahme um mehr als 20 Prozent senken, da die Wärme nicht mehr entweicht und weniger Feuchtigkeit eindringt.» Das entspricht einer durchschnittlichen Reduktion von 15 Tonnen CO2 pro Jahr.
Doch die Gaskanonen liefen weiter. Gerade in kalten Monaten waren sie im Dauerbetrieb, der Gasverbrauch entsprechend verbesserungsbedürftig. Die Lösung: eine Bodenheizung. Dadurch, dass dort geheizt wird, wo die Wärme gebraucht wird – nämlich am Boden beim Tier –, kann die Heizleistung fast halbiert werden. Eine Massnahme, die sich nicht nur energetisch lohnt und das Budget schont, sondern auch die Hühner freut. Denn «wie wir Menschen haben auch die Hühner nicht gerne kalte Füsse», schmunzelt Zürcher.
Mit den hohen Heizkosten und dem dadurch verbundenen CO2-Ausstoss suchte auch Erich Jungo für seinen Betrieb in Düdingen nach einer besseren Lösung. Bereits zwei Jahre nach dem Bau der Geflügelmasthalle investierte er deshalb in einen Wärmetauscher. Und punktet damit gleich zweifach. Die Zuluft von aussen wird über den Wärmetauscher durch die warme Stallabluft vorgewärmt. Dadurch wird für die Wärmeerzeugung einerseits weniger Energie gebraucht und somit weniger CO2 ausgestossen. Andererseits ist die Luft, die durch den Wärmetauscher geht, weniger feucht. «Weniger Feuchtigkeit bedeutet ein trockneres Klima. Dadurch muss ich dem Stall weniger Feuchtigkeit entziehen und weniger heizen», erklärt Jungo.
Der Teufelskreis im Heizsystem ist durchbrochen, der CO2-Ausstoss vermindert. Das war ihm aber nicht genug. Just in diesem Jahr nahm er seine Holzschnitzelheizung in Betrieb und verbannte auch den letzten Verbrauch an fossilen Brennstoffen vom Hof. «Die Holzschnitzelheizung gibt weder CO2 noch Feuchtigkeit ab. Wir müssen also weniger lüften und sparen dadurch auch noch Strom», sagt Jungo und ergänzt, dass er diese Massnahme getroffen habe, um seine Vision von einer ökologischen und lokalen Produktion zu verwirklichen. Wirtschaftlich rechnen tut sie sich nicht – zumindest noch nicht. Was sich für beide Landwirte rechnet ist die lokale Produktion von Strom. Jungo, der heute sämtliche Energieträger betriebsintern erzeugt, hat seinen Geflügelstall und das Gebäude der Holzschnitzelheizung mit Fotovoltaikanlagen ausgestattet. Bei Zürcher ist die Remise von Solarmodulen eingekleidet, der Geflügelstall folgt in den nächsten Jahren.
EIN LICHT(LEIN) GEHT AUF
Apropos Strom: Dass die LED-Technik in der Energieeffizienz stark ist, wissen die Landwirte. Aber ein falsches Lichtspektrum beeinflusst das Verhalten der Tiere negativ. «Stimmt das Licht nicht, werden die Hühner nervös», so Jungo. Einem Kollegen aus der Gruppe GMDK sei genau das passiert. «Die Lampen mussten wieder abmontiert werden.» LED wird immer noch heiss diskutiert in der Gruppe. Jungo, der selbst auch auf LED-Lampen umgesattelt hat, weiss: «Auch Misserfolge bringen wertvolle Erkenntnisse.» Gerade Kleinbetriebe seien auf den Austausch mit anderen angewiesen, um zu lernen und Fehlinvestitionen zu vermeiden.
Der CO2-Wert muss tief sein – für den Betrieb und das Tierwohl im Stall.
Markus Zürcher, Landwirt und Betriebsökonom
Dieser wertvolle Austausch macht die Gruppe aus. Einmal jährlich – auf halber Strecke zwischen der Ost- und Westschweiz im Kanton Aargau – treffen sich die Landwirte zu ihrer Generalversammlung. Generalversammlung? Ja. Die Gruppe GMDK hat 2017 den gleichnamigen Verein gegründet, um die Prozesse und die Administration in der Gruppe möglichst reibungslos zu gestalten. Unter der Leitung von Präsident Jungo, Zürcher und EnAW-Berater Krummenacher tauschen sich die Landwirte über neue Projekte, die aktuelle Gesetzeslage sowie die Finanzierungsmöglichkeiten aus. Es wird rege und konstruktiv diskutiert. «Wir stellen diesen Mehrwert des Wissenstransfers allen Mitgliedern zur Verfügung», sagt Jungo. Die Entscheidungsfreiheit betreffend Massnahmenumsetzung liege aber bei jedem Mitglied selbst – ein Aspekt, den Jungo und Zürcher mehrfach betonen. Es werde nicht einfach ein Versuchskaninchen erkoren, um neue Massnahmen umzusetzen. «Das ist gar nicht nötig», sagt Zürcher. Denn einer sei immer an einer Massnahme dran. Auch entwickeln die Mitglieder eigene Ideen und neue Ansätze, die wiederum allen anderen etwas bringen könnten.
Diskutiert werden sie dann an der GV, mit der geschätzten fachlichen Beurteilung durch den EnAW-Energiespezialisten Krummenacher. Ob die Zweisprachigkeit denn gar kein Hindernis sei? Im Gegenteil. Das schweizweite Netzwerk sei sogar eine Chance. «Wir sind trotz Sprachbarrieren ein Miteinander », meint Jungo. Und wenn es doch mal hapern sollte, schlüpft der Präsident einfach in die Dolmetscherrolle. Auch Zürcher freut’s: «Diese Eigendynamik, die sich bei uns eingebürgert hat, die ist wirklich sehr sympathisch.»
Die Gruppenarbeit bietet noch mehr Vorteile als der reduzierte CO2-Ausstoss und die gesteigerte Energieeffizienz. Der regelmässige Austausch im Verein helfe, eine Betriebsblindheit zu unterbinden. «Wir befassen uns mit dem Energiethema und verschiedenen Massnahmen, werden nachhaltiger und sparen Geld – das ist das, was uns verbindet», meint der Präsident. Der Verein animiere dazu, auch mal ein Projekt umzusetzen, mit dem einer allein sich nicht befassen würde. Er ist überzeugt: «Diese Gruppendynamiken sind sicherlich ein Grund, weshalb unsere Zahlen so gut sind.» Ein zusätzlicher Motivator, um Effizienzmassnahmen umzusetzen, liefere die Rückerstattung der CO2-Abgabe. Im Jahresdurchschnitt erhält die Gruppe rund 80 000 Franken rückerstattet – Schweizer Franken, die wiederum in die Verbesserung der Energiebilanz investiert werden. Wie der Betrag aufgeteilt wird?
«Aufgrund des Solidaritätsgedankens in der Gruppe haben wir uns gegen einen Verteilschlüssel mit Provision entschieden. Das würde den falschen Anreiz setzen», findet Zürcher. Es gibt eine Pauschale nach dem Solidaritätsprinzip, die jeder bekommt. Denn es braucht die «kleinen» wie auch die «grossen» Verbraucher. Der Rest wird je nach Fläche des Stalls aufgeteilt. Jungos Gesamtbilanz: «Mit den gemeinsamen Effizienzsteigerungen machen wir etwas Nachhaltiges für die Region, bleiben wettbewerbsfähig, verbessern das Image und kurbeln die bilaterale Vernetzung unter Gleichgesinnten an.» Die Gruppe Geflügelmastbetriebe Dritter Kraft (GMDK) steht also für viel mehr, als reine CO2– und Kilowattstundenreduktionen.

Im Interview mit Stefan Krummenacher, Mitglied der EnAW-Geschäftsleitung und Bereichsleiter
Adrian Zimmermann und ich versuchen, Prozesse anzustossen, indem wir Daten vergleichen. Wir vergleichen beispielsweise einen Stall mit und ohne W.rmerückgewinnung und zeigen an der Generalversammlung dann auf, was die Landwirte mit der Massnahmenumsetzung gewinnen können. Auch beobachten wir den Markt: Was funktioniert in anderen Ställen, beispielsweise in einem Viehstall? Kann man etwas «abkupfern»? Wir orientieren uns dabei auch an anderen Branchen. Wenn wir neue Ideen oder Ansätze haben, bringen wir sie an die Generalversammlung mit. Die Erfahrung zeigt, dass vieles, was in grösseren Betrieben funktioniert, unter den richtigen Rahmenbedingungen auch im Kleinbetrieb funktioniert.
Nein, das wäre mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Die PinCH-Analyse kommt dann zum Zuge, wenn die Energieflüsse komplexer werden. Das ist eher in grösseren Betrieben der Fall, wie beispielsweise bei den Grastrocknern. Die landwirtschaftliche Energie-Modell-Gruppe der Grastrockner und die Gruppe Käsereien (Fromarte) haben uns übrigens zur Initialisierung der Gruppe GMDK inspiriert.
Für mich gibt es drei Gründe. Erstens haben die Betriebe tatsächlich etwas davon. Die CO2-Reduktionen sind beträchtlich und die finanziellen Rückflüsse erfreulich. Das Geld investieren die Landwirte häufig in neue Massnahmen, was auch zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit beiträgt. Der zweite Punkt ist der gesellschaftliche Aspekt: Das jährliche Zusammenkommen an der Generalversammlung ermöglicht einen regelmässigen Erfahrungsaustausch, fördert die gegenseitige Motivation und kurbelt Diskussionen rund um Energiethemen an. Gerade im Erfahrungsaustausch zeigt sich der Vorteil der Gruppenintelligenz gegenüber der Einzelintelligenz sehr schön: Die Teilnehmer sind wirklich motiviert, auch neue Wege zu gehen. Drittens profitieren alle: die Landwirte, die EnAW und die Umwelt. Das ist einfach EnAW vom Feinsten!
Eindeutig! Allerdings müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein. Die Gruppenmitglieder müssen in der Energieintensität und der Betriebsstruktur eine gewisse Homogenität haben. Dann braucht es eine tragfähige Struktur, in der die Gruppe beheimatet ist.
Die Weltumrundung mit einem Solarflugzeug hatte seinen zahlreichen, konkreten Engagements für eine nachhaltige Welt als Aushängeschild gedient. Im Frühling 2020, als die Pandemie viele Gewissheiten ins Wanken brachte, rief Bertrand Piccard mit Firmenchefs grosser Unternehmen dazu auf, ehrgeizige Nachhaltigkeits- und Umweltziele für den Wirtschaftsaufschwung festzulegen.
Der Beitrag1 wurde sehr positiv aufgenommen, denn damit forderten Grossunternehmen die Regierungen zu einer ehrgeizigeren Energie- und Umweltpolitik auf. Oft verstecken sich die Regierungen hinter den Unternehmen und argumentieren, dass zu hohe Umweltansprüche zu wirtschaftlichen Problemen und Arbeitslosigkeit führen könnten. Unser Aufruf hat aber gezeigt, dass die grössten Unternehmen strengere Umweltauflagen wollen, die sich an den heutigen Herausforderungen ausrichten und die Entwicklung in Richtung Nachhaltigkeit, Cleantech und erneuerbare Energien fördern. Sie verlangen auch Klarheit und Planbarkeit für eine konstante Entwicklung sowie Schutz vor Wettbewerbsverzerrungen gegenüber allen, die sich nicht an die Regeln halten. Nach diesem Aufruf hatte ich viele Interviews und Auftritte. Der französische Wirtschaftsminister Bruno Le Maire hat ihn begrüsst, die Energieministerin Elisabeth Borne hat sich bei mir bedankt.
In der Schweiz hat das Magazin BILAN den Beitrag abgedruckt, die politischen Reaktionen waren aber nicht auf dem französischen Niveau. Ich vertrete die Vision einer energieeffizienten Wirtschaft, die auf sauberen Technologien und erneuerbaren Energien aufbaut. Noch immer hält man mir in der Schweiz entgegen, dass dies die Unternehmen benachteiligen würde. Wäre dies so, würde ich niemals hinter einem solchen Programm stehen. Ich vertrete diesen Standpunkt, weil es der rentabelste Weg ist. Wir sprechen hier keineswegs von ökologischem Dogmatismus, sondern von Wirtschaftsentwicklung, und zwar mit positiven Auswirkungen auf die Umwelt! Grossunternehmen wie KMU sollen nicht nur aus Rücksicht auf die Umwelt und für die nächsten Generationen effizienter werden. Denn CO2 steht nicht nur für den Klimawandel, sondern auch für Ineffizienz und Verschwendung. Alles, was die CO2-Bilanz eines Unternehmens verbessert, wirkt sich langfristig auch finanziell positiv aus. Effizienz fördert die Entwicklung neuer Werkzeuge, Technologien und Verfahren für die Umstellung auf Nachhaltigkeit und ist dadurch auch eine Quelle neuer Produktionsmöglichkeiten und neuer Berufe. Die Entwicklungsperspektiven sind enorm und umfassen Bereiche wie neue Energiequellen, Digitalisierung des Gemeinwesens, Entwicklung intelligenter Netze, Kreislaufwirtschaft, aber auch die Bewirtschaftung, das Recycling und die Verwertung von Abfällen zur Energiegewinnung usw. Diese Argumente, die ich bereits 2002 vertrat, sprechen die Unternehmen sehr direkt an. Genau diese Argumente habe ich in einem Gastkommentar über die Ausgestaltung des europäischen Wirtschaftsaufschwungs2 wiederholt, die ich als Sonderberater bei der Europäischen Kommission zusammen mit Exekutiv-Vizepräsident Frans Timmermans veröffentlicht habe.
Stimmt. Wir verfügen heute bereits über wirtschaftlich rentable technische Lösungen, die eine Halbierung des CO2-Ausstosses ermöglichen würden. Viele Innovationen schaffen es aber nicht, aus dem Umfeld der Start-ups, Universitäten oder Grossunternehmen auszubrechen. Patente verschwinden im Niemandsland, so dass Öffentlichkeit, Unternehmen und Entscheidungsträger von den meisten Lösungen nie etwas hören. Regierungen berücksichtigen sie deshalb auch nicht, wenn es um die Entwicklung rechtlicher Rahmenbedingungen geht. In der Konsequenz werden diese Lösungen dann nicht oder nur sehr zögerlich umgesetzt. Diesen Teufelskreis müssen wir durchbrechen!
Sie können sich für strengere Regeln einsetzen und darauf hinweisen, dass ihr Engagement bei weitem nicht ausreichen wird, aber auch, dass Technologielösungen im Grossen umgesetzt werden müssen, um den hohen CO2-Anteil zu senken, den die Bevölkerung durch Wohnraum, Transport, materiellen und digitalen Konsum verursacht … Viele Technologien existieren wie gesagt bereits, nun müssen aber ihr Bekanntheitsgrad und die Verbreitung der neuen Produkte massiv erhöht werden.
Genau, denn ich wollte nicht nur schön reden, sondern beweisen, dass dieser ökologische Wandel möglich und wirtschaftlich rentabel ist. Deshalb habe ich entschieden, die Expertengruppen der Solar Impulse Foundation mit der Bewertung und Auszeichnung von Technologien, Systemen, Produkten, Materialien, Programmen usw. zu beauftragen und das Label «Solar Impulse efficient solution» zu verleihen3. Es geht dabei um Wasserbewirtschaftung – beispielsweise Sparmassnahmen, Reinigung, Entsalzung –, um erneuerbare Energien, landwirtschaftliche Produktion, Industrieprozesse, Energieeffizienz von Gebäuden und Mobilität. Dieses Portfolio ist allgemein zugänglich und wird die Unternehmen dabei unterstützen, effizienzsteigernde Massnahmen zu definieren. Auch Privatpersonen können darauf zurückgreifen und beispielsweise die innovative Entwicklung eines Schweizer Unternehmen nutzen, die das ablaufende Duschwasser zum Vorwärmen des Frischwassers einsetzt und so die Energiekosten senkt. Dieses Beispiel zeigt, dass die Unternehmen beim ökologischen Wandel zwei Rollen haben. Sie setzen einerseits neue Technologien und Energien ein, um ihre Infrastrukturen rentabler zu gestalten, und richten andererseits ihre Produktion auf nachhaltige und/oder nachhaltigkeitsfördernde Produkte aus. Für Arbeitsplätze und Rentabilität erschliesst sich dadurch auch in ökologischer Hinsicht ein enormes Marktpotenzial. Die «1000 Lösungen» sollen zeigen, dass der grösste Industriemarkt dieses Jahrhunderts darin bestehen wird, die Umwelt zu schützen, statt sie zu zerstören.
Dr. Marie-Luise Wolff, CEO des Darmstädter Energieversorgers Entega AG, über Erfolge und künftige Herausforderungen der deutschen Energieeffizienz-Netzwerke.
Indem sie das Thema Effizienz nicht als Einzelherausforderung verstehen, sondern sich als Gruppe neuen wissenschaftlichen und technischen Erkenntnissen stellen. Hat sich eine Zahl von mindestens fünf Unternehmen gefunden, durchlaufen alle einen ersten Effizienzcheck, der dazu dient, ein gemeinsames Verständnis der unterschiedlichen Produktionsprozesse zu schaffen. Anschliessend überlegt jedes teilnehmende Unternehmen genau, welche Einsparungen es auf Basis der Ist-Analyse erreichen kann. Daraus wird ein aggregiertes Einsparziel formuliert, das es gemeinsam umzusetzen gilt.
Sie sind heute deutlich diversifizierter aufgestellt als noch in den Anfängen. Neben Effizienz tauscht man sich heute immer öfter über Klimaschutzthemen, erneuerbare Energien und Wärme-Kraft-Kupplung aus. Da geht es zum Beispiel um die optimale Auslegung von Eigenerzeugungsanlagen in Verbindung mit der Bestellung von Netzreservekapazitäten beim Netzbetreiber oder um die Frage, wie Mitarbeitende motiviert werden können, Energie im eigenen Verantwortungsbereich einzusparen. Gerade Netzwerke, an denen Universitäten und Forschungseinrichtungen beteiligt sind, werden häufig auch als wichtige Weiterbildungsplattform genutzt, weil hier Wissenschaft und Praxis zusammenkommen.
Mit dem Energieeffizienz-Netzwerk ETA-Plus sind wir an einem einzigartigen Netzwerk in Deutschland beteiligt. Das Netzwerk zeichnet sich durch eine Reihe von Alleinstellungsmerkmalen aus, zum Beispiel praxisnahe Schulungen in der ETA-Fabrik, dem Energieeffizienz-, Technologie- und Anwendungszentrum der Technischen Universität Darmstadt. Hier beobachten die Teilnehmenden ganze technologieübergreifende Prozesse, wie sie in der Industrie typisch sind. Danach diskutieren sie, wo Effizienzpotenziale liegen und wie sich diese erschliessen lassen. Das sorgt für einen hohen Lerneffekt. Darüber hinaus hat mich die Breite der Ansatzpunkte beeindruckt: von der Optimierung einzelner Komponenten wie Motoren und Antriebe bis zum strategischen Strom- und Gaseinkauf oder der Reduktion der Energienebenkosten bis zu Fragen der Energieflexibilität.
Neben Effizienz tauscht man sich heute immer öfter über Klimaschutzthemen, erneuerbare Energien und Wärme-Kraft-Kopplung aus.
Im zunehmend automatisierten und digitalisierten Produktionsbetrieb spielt das Thema Effizienzsteigerung einzelner Anlagen und Maschinen nur noch eine untergeordnete Rolle – vielmehr geht es um die Sicht auf den gesamten Produktionsprozess inklusive der vor- und nachgeschalteten Schritte. Dazu gehört inzwischen auch der Blick auf das Gebäude, die Arbeitsumgebung oder die Nutzung bestimmter regulatorischer Möglichkeiten und Anwendungen wie Flexibilitätspotenziale von Anlagen als Netzspeicher.
Grosse Unternehmen sehen sich nicht nur aus politischen Gründen in der Pflicht, an der Initiative teilzunehmen – häufig sind ihre Energiekosten relativ zu den Gesamtkosten höher als bei kleinen Unternehmen. Es bietet sich an, Unternehmen branchenübergreifend über das Thema Energieaudit für Netzwerke zu gewinnen. Inzwischen sind viele mittelständische Unternehmen zu solchen regelmässigen Energieeffizienzchecks verpflichtet. Die Netzwerke bieten die Möglichkeit, diese Vorgabe unbürokratisch durch die gemeinsame Beauftragung eines Auditors zu lösen. Die Erfahrung zeigt, dass sich die Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer kleiner Unternehmen so schnell für die Netzwerkidee begeistern lassen und vom Austausch mit grossen Unternehmen profitieren.
Die bisher 273 registrierten Netzwerke bei der Deutschen Energie-Agentur haben im Durchschnitt deutlich mehr CO2-Emisssionen eingespart als zu Beginn geplant. Letzte Evaluationen haben ergeben, dass das Ziel der Initiative, fünf Millionen Tonnen CO2-Äquivalente einzusparen, voraussichtlich bis Ende 2020 erreicht wird. Allein die 87 untersuchten Netzwerke sparen jährlich gut eine Million Tonnen CO2 ein. Das ist eine hervorragende Leistung! Industrie und Energiewirtschaft haben damit bewiesen, dass sie den Klimaschutz ernst nehmen und auch jenseits staatlicher Vorgaben aktiv werden.
Die meisten grossen Energieeinsparmassnahmen sind heute zu komplex, um sie allein zu verstehen und zu heben. Sie benötigen ein Netzwerk von Gleichgesinnten und Spezialisten aus Technik und Wissenschaft, um zügig zu guten Ergebnissen zu kommen. Dazu kommt, in Deutschland werden EEN vielerorts von der Energiebranche mitorganisiert, das heisst, sie haben direkten Zugriff auf Energieinfrastrukturdienstleistungen sowie Beratung und Auditierung. Der praxisnahe Wissenstransfer zu Effizienzprojekten, Einblick in aktuelle Forschungsarbeit und der Austausch zu Massnahmen zum Schutz vor Carbon-Leakage sind häufig gute Gründe für eine Netzwerkteilnahme. Letztlich entwickelt der spielerische Wettbewerb zwischen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern eines Netzwerks eine sehr grosse Dynamik und motiviert zusätzlich, dabeizubleiben.
Die Initiative sollte in jedem Fall verlängert werden. Die bisher knapp 2500 teilnehmenden Unternehmen haben viel erreicht – nicht nur finanziell durch Kosteneinsparungen, auch persönlich durch den fachlichen Austausch. Letztlich beruht die Selbstverpflichtung von Industrie, Gewerbe, Handel und Dienstleistung aus Einsparverpflichtungen Deutschlands im Rahmen der europäischen Energieeffizienz-Richtlinie. Dass man bereits 2014 die Wirtschaft in Fragen der Umsetzung einbezogen und auf ein Selbstverpflichtungsmodell gesetzt hat, war ein vorbildliches Angebot der Politik. Die meisten der neu angemeldeten Netzwerke gründeten sich ja erst vor einigen Jahren, so auch unser gemeinsames ETA-Plus-Netzwerk in Darmstadt. Das heisst, es macht absolut Sinn, weiterzuarbeiten. In vielen Fällen sind bisher nur die Low-Hanging-Fruits der möglichen Effizienzmassnahmen umgesetzt. Die komplexen grossen Vorhaben sollten nun in der zweiten Phase ab 2021 angegangen werden.

Dr. Marie-Luise Wolff ist Vorstandsvorsitzende des Darmstädter Energieversorgers Entega AG und präsidiert den Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft. Sie engagiert sich als Botschafterin der Initiative Energieeffizienz-Netzwerke.
Der Ursprung der Energieeffizienz-Netzwerke in Deutschland liegt in der Schweiz. Im Jahr 2002 exportierte Prof. Eberhard Jochem das Schweizer Modell, um die deutsche Wirtschaft energetisch fit zu machen. Abgeguckt hat er es vom sogenannten Energie-Modell Zürich, das seit 1990 praktiziert und im Jahr 2000 zum Energie-Modell Schweiz weiterentwickelt wurde. Das Energie-Modell Schweiz bildete die Basis für die Arbeit der Energie-Agentur der Wirtschaft, die das Gruppenprinzip seit 2001 fördert: Jeder EnAW-Teilnehmer im Energie-Modell ist Mitglied in einer Energie-Modell-Gruppe. Die Unternehmen schliessen sich je nach Bedürfnis in regionale oder branchenspezifische Gruppen zusammen oder arbeiten gleich als ganzes Unternehmensnetzwerk in einer Gruppe. Aktuell gibt es im Energie-Modell 104 Gruppen, in denen insgesamt 2900 Unternehmen aktiv sind. Diese werden von einem EnAW-Berater oder einer -Beraterin organisiert und moderiert. Der grosse Gruppenvorteil: Die Unternehmen verfolgen gemeinsam ein Ziel, sie spornen sich gegenseitig an und lernen voneinander. Gemeinsam haben sie im Jahr 2019 mit den seit 2013 umgesetzten Massnahmen 594 078 Tonnen CO2 reduziert und über 3343 Gigawattstunden Energie eingespart. Das entspricht bei durchschnittlichen Energiekosten von 10 Rappen pro Kilowattstunde (ohne Ökostrom) 321 Millionen Franken.
Wer auch nach über 140 Jahren noch konkurrenzfähig ist, stellt sich clever an. Die aargauische Grosshändlerin Antalis stellt das unter Beweis. Sie setzt nebst einem ausgeklügelten und vielfältigen Produkteangebot auf Reaktionsfähigkeit und Effizienz – auch im Energiebereich. Seit fünf Jahren nimmt die Antalis deshalb Betriebsoptimierungen vor. Bei den dafür benötigten Massnahmen wird sie von der EnAW tatkräftig unterstützt.
270 Mitarbeitende fertigen bis zu 260 Tonnen Material pro Tag für Bestellungen ab und versenden dieses an Kunden aus der ganzen Schweiz.
Den Start wagte die Antalis bereits 1879 mit dem Schulbücher- und Schulhefteversand. Auch heute noch ist Papier ihr Hauptstandbein. Allerdings wurde ganz nach den Gesetzen des Marktes das Angebot der Nachfrage angepasst und um eine Vielzahl von Produkten und Dienstleistungen erweitert. Heute zählen nicht nur papierbasierte Produkte, sondern auch Verpackungen, Produkte für die Werbetechnik und visuelle Kommunikation, Hygieneartikel und Logistiklösungen zu ihrem Angebot. Die Idee: Anwenderorientiert in Zusammenhängen denken. Denn die Devise der Antalis ist, wer Papierhandtücher braucht, braucht auch Seife, Seifenspender und in Zeiten von Covid-19 Desinfektionsmittel. So wird dem Kunden alles aus einer Hand angeboten, was für ihn wiederum eine Effizienzsteigerung ist.
Stets mit dem Unerwarteten rechnen, will gelernt sein. Deshalb trainiert bei der Antalis alle zwei Jahre ein Krisenteam den möglichen Notzustand. Gelohnt hat es sich, auch in der Corona-Krise. Innert kürzester Zeit konnte sie so auf die veränderte Lage reagieren. «Ich glaube, diese Situation ist eine gute Schulung. Man merkt, dass Schnelligkeit notwendig ist. So ist man eher bereit, alte Zöpfe zu überdenken und abzuschneiden», erklärt Roman Strässle, Chief Financial Officer der Antalis. Auch im Energiebereich gilt es, Potenziale voll auszuschöpfen. Das Zauberwort dazu heisst Betriebsoptimierungen. Diese bieten der Antalis seit der Zusammenarbeit mit der EnAW die ideale Möglichkeit, besagte alte Zöpfe abzuschneiden. Die Betriebsoptimierungen bezwecken, den Energieverbrauch auf den tatsächlichen Nutzungsbedarf anzupassen. Betrachtet werden dabei unter anderem die Bereiche Heizung, Lüftung und Gebäudeautomationen.
Gemeinsam mit ihrem EnAW-Berater Gregor Zadori fühlt die Antalis dabei dem eigenen Betrieb regelmässig auf den Zahn. Es zeigte sich folgendes Bild: Die Beleuchtung machte fast die Hälfte des gesamten Stromverbrauchs aus. Durch das Auswechseln und Anpassen der herkömmlichen Halogen- und FL-Leuchten durch zeitgemässe LED-Armaturen im Terminal C und in Teilen der Büroräumlichkeiten konnte der Stromverbrauch stark reduziert werden. «Obwohl der geringere Verbrauch einer einzelnen Glühbirne kaum auffällt, macht er in der Masse einen grossen Unterschied», erklärt Andreas Meyer, Verantwortlicher Quality, Safety und Umwelt der Antalis. Während LED-Leuchten im Energieeinsparungs-ABC zu den Investitionen zählen, gehören die zugleich installierten Bewegungsmelder zu den Betriebsoptimierungen. Bewegungsmelder haben den Vorteil, dass Licht und damit Strom nur dann benötigt wird, wenn sich tatsächlich eine Person in dessen Reichweite aufhält. Der Verbrauch wird exakt auf den Bedarf angepasst, ganz im Sinne der Betriebsoptimierung. Dieselben Bewegungsmelder wurden auch in den Garderoben installiert. Weg fällt damit die lästige Sorge, ob der Letzte auch tatsächlich das Licht ausgeschaltet hat. Dies funktioniert nun alles automatisch.
Die Büroräumlichkeiten wurden auch in Bezug auf die Raumtemperatur einem Monitoring unterzogen. Das Resultat? Es wurde zwei Monate im Jahr unnötig geheizt. Die Monate März und April sind bereits so warm, dass Heizen überflüssig wird. Trotzdem laufen die Heizungen in den meisten Unternehmen in diesen Monaten weiter. «Eine Raumtemperatur von 22 bis 24 Grad Celsius ist für ein angenehmes Büroklima ausreichend», erklärt Zadori. Ein schöner Frühling reicht für diese Temperaturen. Weiter wurde die genaue Bürobelegung eruiert. Mit dem dadurch erlangten Wissen konnten die Heizung und die Lüftung so eingestellt werden, dass zu den effektiven Arbeitszeiten ein angenehmes Raumklima herrscht. Ausserhalb der Arbeitszeiten muss dafür aber weit weniger Energie aufgewendet werden.
Zadoris geschultes Auge erblickt häufig, was bei denen, die mittendrin stecken, bereits im toten Winkel liegt. So stellte er fest, dass jährlich Gas im Wert von mehreren Tausend Franken unnötig bezogen wurde. Die Analyse ergab: Neue und grössere Lastwagen eines Spediteurs verhinderten das Schliessen der Lagerhalle beim Beladen. Da die Temperatur dabei unter einen gewissen Wert fiel, schaltete sich eine Deckenheizung automatisch ein. Diese wurde im Anschluss so eingestellt, dass sie sich nur bei komplett geschlossenen Lagertoren einschaltet. Mit kleinen Anpassungen konnte so auch dieser Kostenpunkt optimiert werden.
Nach einem Stromausfall stieg die Klimaanlage, welche die Feuchtigkeit für die optimale Lagerung von Papier reguliert, in einer Lagerhalle komplett aus. Dabei merkte man, dass aufgrund einer neuen Verpackung des Papiers eine solche Regulierung überflüssig geworden war. Damit fiel ein weiterer Energiefresser weg. Zadori wird darum nicht müde zu betonen, dass im Bereich der Betriebsoptimierungen häufig keine kostspieligen Neuanschaffungen, sondern lediglich einige Anpassungen an Steuerungen gemacht werden müssen, um grosse Einsparungen zu erzielen. Vielfach fehle es nicht am betriebsinternen Know-how, sondern bloss an zeitlichen Ressourcen, um diese Untersuchungen nebst dem Tagesgeschäft durchzuführen.

17.04.2026
Das Wichtigste in Kürze
Die Antalis ist auf spezialisiert den Grosshandel von Papier, Verpackungslösungen, Hygieneartikeln, Produkte für die Werbetechnik und visuelle Kommunikation und und bietet Logistikdienstleistungen an.
Seit 2014 profitiert die Antalis von der Expertise der EnAW, welche sie in allen Bereichen von Energieeffizienz und CO2-Reduktion beratend unterstützt.
Bei der zusammen mit ihrem EnAW-Berater durchgeführten Betriebsoptimierung stellt die Grosshändlerin unter Beweis, dass diese nicht nur leicht gemacht, sondern auch für jedermann sind.
Mittels der von der EnAW empfohlenen Betriebsoptimierungen spart die Antalis jährlich rund 30 000 Franken an Energiekosten.
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