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Technologievergleich: Wasserstoff vs. e-Methanol (2)

15.01.2026

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Gehört die Zukunft Wasserstoff oder eher e-Methanol? Im zweiten Teil unserer Analyse erklärt Daniela Decurtins, Direktorin des Verbandes der Schweizerischen Gasindustrie (VSG), warum sie für den Einsatz beider Energieträger plädiert.

Von Daniela Decurtins

2024 diskutierten 5000 Delegierte aus der ganzen Welt in Rotterdam am Weltenergiekongress unter dem Motto «Redesigning Energy for People and Planet» Fragen und Lösungen. Beim Kongress in Abu Dhabi 2019 hatten noch die Klimaziele im Vordergrund gestanden. Die euphorische Gründerstimmung damals machte in Rotterdam Realitätssinn und Pragmatismus Platz. Sowohl die Folgen des Angriffs Russlands auf die Ukraine als auch die Lieferkettenengpässe haben die Bedeutung von Resilienz, der Widerstandsfähigkeit gegen äussere Schocks sowie die Wichtigkeit einer sicheren und wirtschaftlichen Energieversorgung für Volkswirtschaften bewusst gemacht. Das hat die Überzeugung dafür geschärft, dass die Transformation zu einer klimaneutralen Energieversorgung kein Spaziergang werden wird.

Dass es dabei darauf ankommt, alte Abhängigkeiten nicht durch neue zu ersetzen und den Transformationspfad abzusichern, war eine der zentralen Erkenntnisse in Rotterdam. Dies gelingt, indem man sich nicht nur auf Strom, sondern auf verschiedene Energieträger und Infrastrukturen abstützt. Die Energieversorgung muss als Gesamtsystem begriffen und entwickelt werden, sowohl unter dem Aspekt der Versorgungssicherheit als auch unter dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit.

Neuer Pragmatismus

Es gibt dabei nicht DIE eine Lösung, um die Klimaziele zu erreichen. Der Weg hängt vielmehr davon ab, welche Ausgangslage ein Land oder eine Region aufweist. Dabei spielen der vorhandene Energiemix, die bestehenden Infrastrukturen und die Wirtschaftsstrukturen – etwa das Gewicht von Schwerindustrie – eine zentrale Rolle. Einig waren sich die Delegierten auch, dass der Investitionsbedarf enorm und internationale Kooperationen nötig sowie die weitere Nutzung bestehender Infrastrukturen entscheidend sein werden, um neue Technologien und Märkte zu entwickeln. Dazu brauche es klare und stabile rechtliche Rahmenbedingungen, teilweise kombiniert mit Anreizsystemen, um die Unsicherheiten und Risiken, die mit solchen Investitionen verbunden sind, zu senken.

Rolle von Wasserstoff und synthetischem Methan unbestritten

Für die Delegierten war unbestritten, dass künftig Biomethan, synthetische flüssige und gasförmige Energieträger und Wasserstoff anstelle von Erdgas ein wichtiger Baustein neben anderen sein müssen, um die Klimaziele zu erreichen. Diese klimafreundlichen Gase werden einerseits aus heimischer Produktion stammen, andererseits zu grossen Anteilen importiert werden müssen. Grüner Wasserstoff bietet die Möglichkeit, erneuerbaren Strom aus Sonne und Wind chemisch zu speichern und im Winter zu nutzen. Das ist in der Form von Wasserstoff möglich oder unter Bindung von CO2 auch als synthetisches Methan. Mehrere Projekte in der Schweiz weisen in diese Richtung, aber die Bedingungen für eine wirtschaftliche Produktion von Wasserstoff sind in sonnen- und windreichen Ländern deutlich besser.

Wasserstoff ist preislich noch nicht konkurrenzfähig. Die Erfahrung der Entwicklungsgeschichte der erneuerbaren Energien zeigt, dass die Investitionskosten in die Produktion im Lauf der Zeit stark sinken dürften. Aber ohne Anreize oder Regulierungen dürften sich Wasserstoff und synthetisches Methan vorerst nicht durchsetzen. Moleküle werden in jenen Sektoren eine wichtige Rolle spielen, die sich nur schwer defossilisieren lassen. Wasserstoff kann etwa als Brennstoff in der Industrie, zur Stromerzeugung oder als Treibstoff für die Mobilität eingesetzt werden. Dabei wird Wasserstoff vor allem der Industrie helfen, ihre CO2-Emissionen deutlich zu senken, dort, wo die Energieeffizienz sowie die Nutzung anderer erneuerbarer Energien wie Strom nicht ausreichen. Zu industriellen Prozessen, die bis zu 2500 Grad Temperatur benötigen, zählen beispielsweise das Spalten von Rohöl zur Herstellung von chemischen und pharmazeutischen Produkten, die Herstellung von Glas und Papier, das Schmelzen oder die Wärmebehandlung von Metallen oder das Bereitstellen von Dampf. Weitere Anwendungsmöglichkeiten sind die Spitzenlastabdeckung der Fernwärme.

Schweiz wartet ab

Regierungen setzen weltweit insbesondere auf Wasserstoff, weil im Unterschied zur Methanherstellung kein weiterer Schritt notwendig ist und dies, obwohl die Energiedichte von Wasserstoff deutlich geringer ist als die von Methan. So veröffentlichte Japan bereits 2017 eine Strategie, 2020 folgten die EU und Deutschland. Die Strategien umfassen in der Regel Förderprogramme und diverse Anreize von der Produktion bis zum Verbrauch, um den Markthochlauf in den jeweiligen Ländern zu unterstützen. Seit Dezember 2024 verfügt auch die Schweiz über eine Wasserstoffstrategie. Diese zeigt Perspektiven eines möglichen Wasserstoffmarkts in der Schweiz auf, widerspiegelt aber auch das Ringen des Bundes mit der Frage, ob sich der «neue» Energieträger etablieren kann, ohne dass massiv gefördert würde sowie ob er künftig zu wettbewerbsfähigen Preisen verfügbar sein wird. Insofern ist die Strategie ein Schritt in die richtige Richtung, es besteht allerdings weiter Klärungsbedarf zu verschiedenen Rahmenbedingungen. Es fehlen konkrete Rahmenbedingungen hinsichtlich eines inländischen Wasserstoffmarkthochlaufs (Produktion und Nachfrage). Denkbar wären Anreize, zum Beispiel Contracts of Difference, also finanzielle Instrumente, die Preisunsicherheiten absichern.

Unklar bleibt auch, wie viele Fördermittel im Rahmen des Klima- und Innovationsgesetzes tatsächlich zur Verfügung stehen und ob diese ausreichen für einen inländischen Wasserstoffmarkthochlauf. Es bräuchte auch eine Förderung von grösseren Projekten hin zur Marktreife. Solange hier nicht klarere Rahmenbedingungen geschaffen werden, kann der Bund nicht damit rechnen, dass die Branche aktuell in der Schweiz in grossem Stil in Wasserstoff investiert.

Als Teil der Strategie

Aus Sicht der Schweizer Gasbranche steht so oder so eine Anbindung an die internationalen Importrouten und damit an das europäische Wasserstoffleitungsnetz im Vordergrund. So soll der Zugang zu günstigen Wasserstoffquellen gesichert werden und gleichzeitig positioniert sich die Schweiz in Europa. Dem Anschluss misst auch der Bund in seiner Strategie erfreulicherweise die gebührende Bedeutung zu. Der SouthH2 Corridor rückt dabei speziell in den Fokus. Dieses Projekt zielt darauf ab, erneuerbaren Wasserstoff von Nordafrika nach Europa zu transportieren. Die 3300 Kilometer lange Pipeline soll Nordafrika mit Italien, Österreich und Deutschland verbinden. Sie wird von mehreren Regierungen unterstützt und eine kostengünstige und nachhaltige Wasserstoffversorgung sicherstellen. Die Schweiz drohte hier lange den Anschluss zu verpassen, obwohl sie mit der Transitgasleitung über die direkteste Verbindung von Italien nach Deutschland verfügt. Inzwischen nimmt die Schweiz aber an den Gesprächen im Beobachterstatus teil.

Übergreifender Dialog nötig

Ob der Markthochlauf in Europa gelingt, bleibt unsicher. Es hängt alles davon ab, wie ernst es Europa mit der Netto-Null-Zielsetzung ist und einen Rahmen insbesondere für Industrie und Gewerbe schafft, damit diese ihre Prozesse wirtschaftlich defossilisieren können. Zurzeit ist allerdings auch wegen den geopolitischen Umwälzungen Sand ins Getriebe geraten. Nur vier Prozent der für 2030 angekündigten globalen Wasserstoffproduktion haben eine Investitionsfreigabe erhalten. Die Industrie schliesst aktuell keine substanziellen Abnahmeverpflichtungen ab, weil die Preise und Auslieferungsdaten schwer abschätzbar sind.

Für die Schweiz geht es darum, Optionen offenzuhalten. Was ist es ihr wert, die Klimaziele zu erreichen? Die Rede ist von ein bis zwei Milliarden Franken, wenn es darum geht, die Transitleitung für den Transport von Wasserstoff aufzurüsten, indem stückweise eine zweite Leitung erstellt wird. Diese Summen sind mit früheren Investitionen in den Bau von Pumpspeicherwasserkraftwerken vergleichbar. Die Privatwirtschaft, der die Transitleitung unter anderem gehört, wird die Risiken nicht allein tragen können. Da Wasserstoff mit hoher Unsicherheit verbunden ist, braucht es Mut, staatliche Unterstützung und langfristige Perspektiven für die entsprechenden Schritte. Zentral wird sein, einen gesellschaftlichen Grundkonsens zu erzielen, als das Ergebnis eines Dialogs: mit Kunden, Akteuren aus der Energie- und Klimapolitik und der Verwaltung sowie weiteren Exponenten der Energiewirtschaft, vor allem auch dem Stromsektor. In einem zweiten Schritt ist sicherzustellen, dass der importierte Wasserstoff zu den Kunden gelangt. Es wartet noch viel Arbeit auf die Schweizer Gaswirtschaft.