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Zürich

Der Lindy Effekt

18.11.2025

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Tradition oder Innovation? Warum Langlebigkeit oft der wahre Beweis für Qualität ist.

Zwei Strömungen sind es, die an uns zerren: Der Wunsch nach dem Neuen und die Sehnsucht nach dem Bewährten. Wir gieren nach etwas, das mehr verspricht als das, was wir haben. Und zugleich hängen wir am Vertrauten und meiden alles Unerwartete, Unsichere, Fremde.

Oft glauben wir, etwas sei gut, weil es neu ist. Natürlich ist das Neue in manchen Fällen tatsächlich besser. Niemand vermisst VHS-Kassetten oder Operationen ohne Narkose. Doch nicht alle neuen Ideen und Objekte bieten Vorteile gegenüber Altem oder Bewährtem. Denn wenn man ein wenig nachdenkt, ist das, was wirklich gut ist, oft etwas, was uns schon über längere Zeit begleitet.

Nehmen wir ein Beispiel, das Betriebssystem UNIX. Obwohl es bereits in den 1970er Jahren entwickelt wurde, bildet sein Design bis heute die Grundlage für macOS und Android. Seine anhaltende Präsenz ist nicht Ausdruck einer Innovationsmüdigkeit der Software-Branche, sondern ein Indiz für die Überlegenheit und Anpassungsfähigkeit des Systems. Ein anderes Beispiel: Der Stuhl. Das Konzept altert nicht, bloss weil es Sitzgelegenheiten schon sehr lange gibt. Im Gegenteil: Eben weil der Stuhl sich lange bewährt hat, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es ihn auch noch in Zukunft geben wird. Man nennt das den Lindy Effekt:

Je länger etwas existiert, desto wahrscheinlicher ist es, dass es auch in Zukunft existieren wird.

Das Apfelkuchenrezept unserer Urgrossmutter, das in unserer Familie seit Generationen weiterlebt, hat eine höhere Wahrscheinlichkeit, die nächsten 100 Jahre zu überdauern, als der trendende Back-Trick auf Tiktok.

Der Lindy Effekt ist benannt nach dem Restaurant Lindy’s Delicatessen in New York, wo Comedians, die sich dort regelmässig trafen, folgende These aufstellten: «Eine Show, die nur zwei Wochen läuft, wird voraussichtlich noch zwei weitere Wochen laufen, während eine Show, die bereits zwei Jahre läuft, voraussichtlich noch zwei weitere Jahre laufen wird.»

Es geht um das Verhältnis von Innovation zu Tradition. Oftmals ist der Drang, alles radikal zu verändern, stärker als die Vernunft, auf das zu bauen, was über Jahre hinweg stabil und erfolgreich war. Aber auch das Umgekehrte ist wahr: Wer allem Neuen mit Skepsis begegnet, aus Sorge, das die Veränderung einen selbst hinwegspült, verpasst den Anschluss.

Was kann man vom Lindy Effekt für den Arbeitsalltag lernen? Wenn Sie im nächsten Workshop über neue Märkte, Möglichkeiten oder Messages nachdenken, fragen Sie sich nicht nur: Was wollen wir neu machen oder verändern? Fragen Sie sich auch: Was von dem, was wir heute tun, denken, benutzen, wird auch in Zukunft noch Bestand haben? Was wird sich nicht ändern?

Mikael Krogerus, Roman Tschäppeler

Über die Autoren

Mikael Krogerus (links) ist Reporter und Roman Tschäppeler (rechts) Kreativproduzent. Die beiden sind Autoren des Bestsellers «Faustregeln – Kurze Erklärungen für komplizierte Situationen». www.rtmk.ch