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Kraftwerk Schweiz: Plädoyer für eine Energiewende mit Zukunft

Die Schweiz befindet sich bezüglich erneuerbarer Energie in einer sehr komfortablen Position: Sie kann 100 Prozent des benötigten Stroms aus Wasser, Sonne, Wind und Biomasse gewinnen. Professor Dr. Anton Gunzinger erzählt, welche Komponenten am Ende sein energiepolitisches Paradies Schweiz ergeben und was dafür getan werden muss.

Gunzinger: «Wir können, wenn wir eine sinnvolle Kombination aus Fotovoltaik, Wind und Biomasse nutzen, auf die 40 Prozent Atomstrom verzichten.»

Dank Stauseen können wir auf 100 Prozent erneuerbare Energie gehen.»

Herr Gunzinger, was sind Ihre Beweggründe, sich mit der schweizerischen Energiewende auseinanderzusetzen?

Es ist mir wichtig, dass es auch den nächsten Generationen in der Schweiz gut geht. Würde die ganze Welt so leben, wie die Schweizerinnen und Schweizer heute, bräuchten wir drei bis vier Erden. Das geht nicht. Die Frage ist, wie wir langfristig eine Schweiz bauen können, die mit einer halben Erde auskommt, ohne dabei unseren Wohlstand zu verringern. In der Schweiz werden heute 80 Prozent der Energie aus fossilen Brennstoffen gewonnen. Die restlichen 20 Prozent sind erneuerbar. Das Ziel wäre es, diese Werte umzudrehen oder sogar auf 100 Prozent erneuerbare Energien zu setzen. Aus meiner Sicht ist das machbar.

 

Was können einzelne Haushalte dafür tun?

In der Zukunft wird viel über den Strom laufen. Er wird die wichtigste Energieform sein. Die Wärme sowie die Mobilität werden früher oder später nur noch über Strom funktionieren. Bei der Wärme haben wir extreme Fortschritte gemacht: Nach den Vorschriften von 1970 durften Bauten pro Quadratmeter etwa 22 Liter Öl pro Jahr verbrauchen. Heute, wenn nach Minergie-Vorschriften gebaut wird, sind es nur noch 3.8 Liter. Bei Minergie P sogar nur die Hälfte. Es können also heute Häuser gebaut werden, die pro Quadratmeter sechs bis zehnmal weniger Energie benötigen. Generiert man die benötigte Wärmeenergie zusätzlich zum optimierten Baustandard noch aus Erdwärme, braucht man insgesamt zehn bis 20-mal weniger Energie, um die gleiche Wärme zu erzeugen. Lediglich die Wärmepumpen, die diese Erdwärme transportieren, brauchen dann elektrische Energie. Auch ist ein Bohrloch langfristig gesehen wesentlich günstiger als eine Ölheizung. Es kostet einmalig 30 000 Franken und lebt mindestens 50 Jahre, während eine Ölheizung regelmässig unterhalten und in etwa 15 Jahren ersetzt werden muss. Die neuen Gebäude werden heute alle nach Minergie-Standard gebaut. Der einzige Wehrmutstropfen sind allerdings die alten Liegenschaften, die saniert werden müssen. Im Moment sanieren wir nur 1.1 Prozent davon pro Jahr. Wenn wir in diesem Tempo weitermachen, brauchen wir 70 Jahre. Mein Ziel wäre es, auf 2 Prozent oder sogar auf 4 Prozent zu kommen, sodass wir schon in 20 Jahren damit fertig wären.

 

Inwiefern wird die Mobilität über den Strom laufen?

1960 wog das durchschnittliche Auto noch 700 Kilo und transportierte im Schnitt 2.4 Personen. Heute wiegt es bereits das Doppelte und befördert nur noch 1.3 Personen. Also haben wir heute viermal mehr Masse und damit Energie für die gleiche Mobilität. Im Kern heisst das, dass die Mobilität heute viel zu günstig ist. Eigentlich sollte Benzin vier bis fünfmal teurer sein. Dann würden wir Ressourcen sparen. Ich sehe nicht ein, warum morgens jeder einzeln zum Beispiel von Regensdorf nach Zürich fahren muss. Wir hätten bereits die technischen Möglichkeiten, um uns besser und effizienter zu koordinieren. Da sehe ich viel Potenzial. Die zweite Entwicklung sind Elektroautos. Sie sind etwa vier bis sechsmal effizienter als Fahrzeuge mit Benzinmotoren. Auch werden die benötigten Batterien immer günstiger, sodass Elektroautos in ein paar Jahren völlig konkurrenzfähig sein werden. Dann gibt es in zehn Jahren wahrscheinlich kaum noch jemanden, der mit Benzin fährt. Für die Mobilität werden also dann nochmals zwischen drei und fünf Terrawattstunden pro Jahr mehr Strom benötigt.

  

Wo können wir Strom einsparen?

Wir brauchen heute etwa 60 Terrawattstunden Strom pro Jahr. Unser Einsparpotenzial liegt bei 25 Prozent, also bei etwa 15 Terrawattstunden. Massnahmen wie die Umstellung auf LED, Zeitschaltuhren bei Druckern oder Bewegungsmelder bringen schon sehr viel. Wenn solche Massnahmen in der breiten Menge konsequent umgesetzt werden, kommt man einfach und ohne Komforteinbussen auf diese Ersparnis. Bei diesem Einsparpotenzial setzt die EnAW erfolgreich an. Machen wir also einmal folgende Rechnung: Wir ziehen von den 60 Terrawattstunden die 15 eingesparten Terrawattstunden ab. Dann zählen wir die zwölf zusätzlichen Terrawattstunden, die wir neu für die Wärme und die Mobilität brauchen dazu, und sehen dann, dass wir mit den 60 Terrawattstunden, die wir heute haben, auskommen – selbst, wenn wir noch etwas Bevölkerungswachstum haben.

 

Selbst, wenn wir auf Atomstrom verzichten?

Wir können, wenn wir eine sinnvolle Kombination aus Fotovoltaik, Wind und Biomasse nutzen, auf die 40 Prozent Atomstrom verzichten. Im Moment haben wir in der Schweiz 70 Windräder. Wir bräuchten 450, um den nötigen Anteil zu decken. Falls das nicht geht, bräuchten wir einfach mehr Biomasse. Dabei werden Klärschlamm, Holz oder Gartenabfälle vergast und zu Strom umgewandelt. Aus der Abwärme dieses Vorgangs können dann wiederum ganze Siedlungen beheizt werden. Fotovoltaik brauchen wir sowieso.

 

Welchen Beitrag leistet Ihre Firma dabei?

Zusammen mit der BKW Energie AG und dem Elektrizitätswerk Zürich haben wir das grösste Smart Grid-Projekt der Schweiz entwickelt. Wenn durch immer mehr Fotovoltaik immer mehr Strom ins System eingespiesen wird, kann es zu lokalen Überlastungen der unteren Netzebenen kommen. Das heisst das Netz wird immer mehr gefordert. Daher ist es wichtig, zu wissen, wie viel das System noch verträgt, bis man die Einspeisungen herunterregeln muss. Wir stellen Systeme her, die genau das können und fortlaufend vollautomatische Massnahmen ergreifen können.

 

Und der Bund?

Meine Ziele und Gedanken sind eigentlich ein Denkanstoss. Der Bund und die Politik sind hinterher für die Umsetzung verantwortlich. Ich finde zum Beispiel die CO2-Abgabe, die wir heute für die Wärme in Häusern haben, sehr gut. Dabei finde ich es auch korrekt, dass sich die EnAW für die Rückerstattung von CO2-Abgaben einsetzt. Jetzt müsste man die CO2-Abgabe auch auf den Strom und die Mobilität anwenden. Dann hätte man schon einen grossen Schritt in die richtige Richtung gemacht. Das Problem ist, dass wir in der Schweiz relativ viel Dreckstrom einkaufen und unseren wertvollen Wasserstrom ins Ausland verkaufen. Wenn die CO2-Abgabe also auch für Strom käme, würde die Kilowattstunde aus Kohlekraftwerken etwa zehn Rappen teurer werden, sodass sie am Ende bei etwa 13 Rappen liegt. Beim Wasserkraftwerk kostet sie lediglich sechs Rappen, wobei der Wasserstrom dann viel konkurrenzfähiger würde. Das wäre eine politische Massnahme, die einfach umzusetzen wäre.

 

Sie wünschen sich ein energiepolitisches Paradies Schweiz. Laut dem Energy Trilemma Index des World Energy Council schneidet die Schweiz in allen drei Faktoren, namentlich bei der Energiesicherheit, der Bezahlbarkeit von Energie sowie der Nachhaltigkeit von 130 untersuchten Ländern am besten ab. Ist das nicht schon paradiesisch genug?

Die vielen Stauseen der Schweiz sind sicherlich ein enormer Vorteil gegenüber anderen Ländern. Dank dieser Stauseen können wir auf 100 Prozent erneuerbare Energie gehen. Norwegen hat diesen Vorteil auch. Im Gegensatz zur Schweiz sind die Norweger allerdings schon jetzt bei 48 Prozent erneuerbarer Energie, während sich die Schweiz nur zu 20 Prozent energetisch erneuerbar versorgt. Und das obwohl Norwegen sogar eigenes Öl hat. Wir könnten in der gleichen Position sein und haben das Geld dazu. Deshalb frage ich mich, warum wir nicht endlich vorwärts machen. Zum Schluss ist die Energiewende Schweiz ein Zusammenspiel vieler Faktoren, vergleichbar mit einem Blumenstrauss. Dabei stellt die EnAW eine dieser Blumen dar. Der Atomausstieg, faire CO2-Abgaben oder erneuerbare Energien sind weitere Blumen, die zusammen bewirken, dass das ganze System in die richtige Richtung geht.

 

Zur Person

Professor Dr. Anton Gunzinger ist Gründer und Verwaltungsratspräsident der Supercomputing Systems AG in Zürich. Die Firma mit Sitz im Technopark entwickelt im Kundenauftrag Hard- und Software für die Automobilität, den öffentlichen Verkehr, Energie, Life Science, Multimedia und Industrie. Anton Gunzinger hat einen Lehrauftrag an der ETH Zürich. 2015 ist sein Buch «Kraftwerk Schweiz: Plädoyer für eine Energiewende mit Zukunft» erschienen.

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